BLICKPUNKT

Kleine Schritte auf dem »grünen Weg«

Erneuerbaren Energien gehört die Zukunft – Die Ausbildung von Projektentwicklern für Energiegenossenschaften trägt dazu bei • Von Mirjam Ulrich

Die Kirche fordert nicht einfach nur einen schnelleren Atomausstieg, sondern fördert auch aktiv eine Energiewende von unten. Sie bildet Projektentwickler für lokale und regionale Energiegenossenschaften aus. Damit Bürger eine nachhaltige Energieproduktion selbst in die Hand nehmen können.

Es klingt alles groß und teuer: Windparks im Meer, Solarstrom aus der Wüste, neue Hochspannungsleitungen und erst recht die Kosten. In den Augen von Karin Holthausen zeigen sich beim geplanten Atomausstieg einmal mehr die falschen Denkmuster. »Für die Energiewende sollten wir lieber die kleinen Lösungen vor Ort suchen, an der alle beteiligt sind«, sagt sie. Und dabei seien auch die Kirchengemeinden gefragt. »Die Kirche ist Vorbild und muss da einfach Stellung beziehen.«

Die Architektin ist auch Solarberaterin und arbeitet im Umweltausschuss ihrer Kirchengemeinde in Messel bei Darmstadt mit. Die Kirchengemeinde überlegt gerade, Fotovoltaikanlagen zu errichten, deshalb hat sich Karin Holthausen jetzt zur »Projektentwicklerin für Energiegenossenschaften« qualifiziert.

Kirchengemeinden sollen sich zusammenschließen

In dem bundesweit einzigartigen Kurs, der von mehreren evangelischen Landeskirchen – darunter der hessen-nassauischen – gefördert wird, hat sie viel über die Planung, Finanzierung und Vermarktung von Energiegenossenschaften gelernt und unterschiedliche Beispiele aus der Praxis kennengelernt. Das Projekt erhielt im September vergangenen Jahres den rheinland-pfälzischen Weiterbildungspreis.

»Um wirtschaftlich zu sein, genügen heute Photovoltaikanlagen auf ein oder zwei Dächern wegen der sinkenden Einspeisevergütung nicht mehr«, weiß sie nun. Die Kirchengemeinden sollten sich lieber zusammenschließen, um möglichst viele Dächer auf kirchlichen Gebäuden für solche Anlagen zu nutzen.

»Die einen Gemeinden haben schon etwas in Eigenregie gemacht, die anderen wollen auch gern, besitzen aber keine geeigneten Dächer, und die dritten haben die Dächer, aber kein Geld.« Sie will daher vorschlagen, im Dekanat Reinheim eine gemeinsame Energiegenossenschaft zu gründen.

»Wenn der Pfarrer das auch predigt, sich auch Gemeindemitglieder anschließen und ihre Dächer zur Verfügung stellen, kann das funktionieren«, glaubt auch Willi Becker. Der Bausachverständige aus Frankfurt arbeitet ehrenamtlich als Umweltauditor und -revisor der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau.

»Missionare« gegen die Macht der Konzerne

Einige Kirchengemeinden machen sich bereits auf den »grünen Weg«, führen ein Umweltmanagement ein und lassen sich nach dem kirchlichen Umweltzertifikat »Grüner Hahn« auszeichnen, berichtet er. »Dabei könnte man auch Energiegenossenschaften einbeziehen, die von Gemeindemitgliedern gegründet werden.«

Willi Becker gehört wie Karin Holthausen zu den 19 Absolventen des dritten Weiterbildungskurses, der Anfang Juni endete. Seit März 2010 wurden rund 70 Projektentwickler aus ganz Deutschland qualifiziert, die Teilnehmer der ersten beiden Kurse gründeten bislang acht Energiegenossenschaften.

»Mein Wunsch an Sie ist es, dass sie Missionare werden in dem Sinne, dass Sie Menschen aktivieren, sich dort zu engagieren, wo normalerweise nur Konzerne agieren«, fordert Gunter Böhmer vom Zentrum für Bildung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau – einem der Bildungsträger – auch die neuesten Absolventen auf.

»Ein Ziel ist es, das Thema auch in die Kirchen hineinzutragen und nicht nur Kurse zu veranstalten«, sagt Dietmar von Blittersdorff. Er ist Referent für Umweltbildung der Evangelischen Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft der Evangelischen Kirche der Pfalz und leitet das Projekt »Energiewende jetzt«, das sich eine nachhaltige Energiewirtschaft in Bürgerhand zum Ziel gesetzt hat. »Ich freue mich daher, dass der fünfte Kurs 2012 in Bayern als ökumenische Weiterbildung geplant ist«, sagt von Blittersdorff.

Dass die Kirche Veranstalter des Projektentwickler-Kurses ist, habe sie gleich angesprochen, sagt die Absolventin Iris Degenhardt-Meister. »Mir ist das Wertegefüge, das dahinter steckt, wichtig«, meint die Rechtspflegerin und SPD-Stadtverordnete aus dem nordhessischen Wolfhagen. »Die Lasten der Energieerzeugung kann man nicht immer nur anderen aufbürden. Man muss selbst Verantwortung übernehmen und auch die Folgen tragen.«

Im Kleinen anfangen statt zu warten

Iris Degenhardt-Meister hat sich zur Projektentwicklerin qualifiziert, um sich auf die Gründung der »BürgerEnergie-Genossenschaft Wolfhagen« vorzubereiten, die dort 25 Prozent der Stadtwerke übernehmen soll. »Energiegenossenschaften dienen der Dezentralisierung und Demokratisierung der Energieversorgung, weil sie es Bürgern ermöglichen, sich zu beteiligen«, erläutert sie. Dadurch steigerten sie die Akzeptanz für erneuerbare Energien, ergänzt Karin Holtmann. Außerdem stärkten die Genossenschaften die regionale Wirtschaft.

Karin Holthausen will jedenfalls nicht mehr bis zum geplanten Atomausstieg 2022 warten. »Wir fühlen uns wie gelähmt, weil wir oft Dinge tun, von denen wir wissen, dass sie nicht gut sind.« Mit der Energiewende fängt sie lieber schon jetzt im Kleinen an.

Foto: picture alliance / Bildagentur-online

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