OBERHESSEN

Wenn Reden alleine nicht hilft

Sylvia Börgens hat ein Buch für Trauernde geschrieben und weist damit neue Wege aus der Welt des Leids und des Schmerzes • Von Annegret Rach

WÖLFERSHEIM. Die Psychologin Sylvia Börgens hat ein Trauerbuch geschrieben, das beschreibt, wie Menschen aus ihrem Schmerz finden durch Handeln – mit einer Fülle praktischer Beispiele.

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Sylvia Börgens ist promovierte Diplom-Psychologin, Geburtsvorbereiterin, Trauerbegleiterin mit eigener Praxis für Lebensberatung und Autorin mehrerer Bücher.

Ein achtjähriger Junge wird am 3. Mai 1969 von einem Auto angefahren. Er stirbt im Krankenwagen – die Rettungskräfte waren zu spät vor Ort und schlecht ausgerüstet. Der Junge hieß Björn Steiger, seine Eltern gründeten wenige Wochen darauf die Björn-Steiger-Stiftung, die heute eine der einflussreichsten Organisationen zur Verbesserung der Notfallhilfe ist. Siegfried und Ute Steiger haben das Schlimmste erlebt, was Eltern passieren kann, doch aus ihrer Trauer ist etwas Neues entstanden, das hilft, anderen Menschen Leid zu ersparen.

Die Geschichte von Björn findet sich in dem Buch »Wie aus Trauer Neues wächst. Ich finde Trost in meinem Tun« von Sylvia Börgens, erschienen im Kreuz Verlag. Wie Menschen durch Handeln aus tiefem Schmerz herausfinden können, steht im Zentrum dieses Buchs – darin unterscheidet es sich von einem großen Teil gängiger Trauerliteratur.

Die Autorin, Diplom-Psychologin und ausgebildete Trauerbegleiterin, leitet seit 1993 Trauergruppen der katholischen und evangelischen Kirche in der Wetterau und begleitet trauernde Menschen individuell in ihrer Praxis. Ihr Buch ist mehr als ein klassischer Ratgeber aus psychologischer Sicht: Es zeigt an Hand vieler konkreter Beispiele aus der Beratungspraxis der Autorin die Fantasie und Kreativität, mit der trauernde Menschen Wege finden, mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen.

Börgens weiß auch aus eigener Erfahrung, wovon sie redet: Sie hat selbst ein Kind wenige Tage nach der Geburt verloren. Vielleicht ist es gerade dieser persönliche Zugang, der ihr Buch so sachlich und praktisch hat geraten lassen. Auch wenn die oft tragischen Beispiele, von denen sie erzählt, berühren – Börgens wühlt nicht im Schmerz. So kann die Lektüre gerade jenen empfohlen werden, die mit schön bebilderten Trauerbüchern und elegischen Gedichten wenig anfangen können. Auch Seelsorger, Ärzte, Therapeuten und Angehörige und Freunde von Trauernden finden hier Anregungen, was helfen kann, wenn Gespräche allein einen Menschen nicht trösten.

In drei Teilen beschreibt das Buch die Ausgangssituation trauernder Menschen, die möglichen Strategien der Bewältigung und den Schritt zu einem Neuanfang. Im ersten Teil erläutert Börgens gängige Theorien der Trauerphasen, distanziert sich jedoch von jedem Versuch einer Normierung: »Bei einem schweren Verlust ist nichts normal – deshalb greifen auch Normen nicht.« Als grobe Orientierung schlägt Börgens die Sichtweise des amerikanischen Psychologen James W. Worden vor, der von vier Traueraufgaben spricht: die Realität des Todes anerkennen, den Trauerschmerz durchleben, sich anpassen an ein Leben, in dem der Verstorbene fehlt, und schließlich dem Verstorbenen emotional einen neuen Platz zuweisen und das Leben fortsetzen.

Für die Bewältigung dieser Aufgaben bietet das Buch im zweiten Teil eine Fülle von Anregungen, im Fokus steht dabei immer das konkrete Tun. So macht Börgens Vorschläge für Rituale des Abschiednehmens in der Todesstunde und sie beschreibt, wie Menschen nach dem Tod des Partners Dinge neu lernen mussten und daran gewachsen sind. Der ausführlichste Teil des Buchs widmet sich jedoch den Strategien, mit dem Schmerz umzugehen.

Den einen hilft Bewegung, andere finden Ausdruck im künstlerischen Schaffen, viele geben dem Andenken an den Verstorbenen eine besondere Form. Das kann ein Buch sein, ein Fotoalbum, und manchmal wird daraus auch etwas Großes, wie beispielsweise »Acadia«, der am häufigsten besuchte amerikanische Nationalpark, dessen Gründung Charles W. Eliot Anfang des 20. Jahrhunderts zum Andenken an seinen verstorbenen Sohn, einen Landschaftsarchitekten, betrieb.

Sich neue Ziele setzen, so Börgens, ist von elementarer Wichtigkeit – denn der Wunsch, das Rad der Zeit zurückdrehen zu können, bleibt unerreichbar. Neue Ziele können auch eine Verbundenheit mit dem Verstorbenen ausdrücken: Leonie meldet sich zum Triathlon-Wettkampf »Ironman« an, zum Gedenken an ihren verstorbenen Sohn, der Marathonläufer war. Ines tritt dem Förderverein für ein Programmkino bei, weil ihr Mann ein passionierter Filmliebhaber war. Ingeborg, deren einziger Sohn ums Leben kam, wird Tagesoma.

Der dritte Teil des Buchs widmet sich der Frage, wie der Verlust eines geliebten Menschen den Trauernden auf die Suche nach einem Sinn für sein weiteres Leben schickt. Börgens ist überzeugt, dass dieser Sinn nicht im Deuten der Vergangenheit gefunden werden kann, sondern nur in der Bewegung nach vorn. Die vielen lebensnahen Beispiele ermutigen, auf dieser Suche dem ganz persönlichen Weg zu folgen und der eigenen Intuition zu vertrauen. Dann kann am Ende die Balance gelingen, wieder Lebensfreude zu empfinden, ohne dass der Verlust vergessen ist – oder wie Börgens schreibt: »Loslassen und im Herzen tragen.«

Sylvia Börgens: »Wie aus Trauer Neues wächst – Ich finde Trost in meinem Tun«. Kreuz Verlag; Stuttgart; 180 Seiten; 14,95 Euro.

Foto: Annegret Rach

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