Serie »Meine Traumkirche«

In eine »Traumkirche« laden die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck vom 10. bis 19. Juni während des Hessentags in Oberursel ein. Zu diesem Zweck wird die Christuskirche innen künstlerisch umgestaltet. Sie liegt direkt an der »Hessentags-Meile«. Kirche – das ist aber mehr als vier Mauern und ein Dach. In der Kirche darf man träumen – und von der Kirche auch. Die Evangelische Sonntags-Zeitung hat Menschen aus beiden Landeskirchen nach ihrer »Traumkirche« gefragt.

Bernhard Bergmann: Keine Bits und Bytes

Ich träume von einer Kirche, die weiterhin den Menschen lebendige Gesichter zuwendet – statt das Facebook zu öffnen. Alte und junge, lachende und weinende Gesichter, vor allem aber Gesichter im persönlichen Gespräch miteinander. In dieser Kirche legt ein Mensch einem anderen zum Segen noch immer die Hand auf und verwandelt nicht Segenswünsche in Bits und Bytes und sendet sie hinaus ohne Ziel, in ein undefiniertes Irgendwas zwischen Himmel und Erde. In dieser Kirche zählt auch nicht, wer wen kennt, sondern wer für wen da ist, wer wem was ist. Predigtgedanken notieren die Pfarrerinnen und Pfarrer in dieser Kirche auf einen Block und nicht in einem Blog. Und wenn es um die Zukunft, ums Sorgen für morgen, geht, dann schauen die Menschen auf zu den Vögeln unter dem Himmel, anstatt dem Gewitter aus dem Satelliten und dem Glasfaserkabel zu lauschen.

Bernhard Bergmann ist Öffentlichkeitsbeauftragter des Dekanats Odenwald.

Thomas Eberl: Immer offen

Meine Traumkirche ist ein kleiner romanischer Bau inmitten eines Kirchgartens mit alten Bäumen. Es ist ein Ort, an dem ich mich als Teil einer lange zurückreichenden Geschichte von Menschen fühle, die hier Freudiges und Schweres geteilt und vor Gott gebracht haben. In meiner Traumkirche, deren Portal immer offen steht, kann ich allein sein, wenn mir danach ist: Ruhe finden, eine Kerze anzünden, dem Orgelspiel lauschen oder in ein Andachtsbuch schreiben, aber auch gemeinsam mit anderen singen und beten, hören und reden, feiern und klagen. Die Farbgebung im Inneren in sanften Erdtönen schafft eine angenehme Atmosphäre und vermittelt Geborgenheit. Die Einrichtung lässt eine variable Nutzung zu. Im Chorraum zieht ein modernes farbiges Glasfenster im romanischen Rundbogen den Blick auf sich. Und den Altar davor schmückt ein Antependium eines zeitgenössischen Künstlers.

Thomas Eberl arbeitet auf der Profilstelle Gesellschaftliche Verantwortung des Dekanats Runkel.

Volker Bouffier: Heimat für alle

Ich wünsche mir eine Kirche, in der alle Generationen eine Heimat finden, die den Menschen und der Gesellschaft Halt bietet und die Antwort auf grundlegende Fragen gibt, die sowohl die individuelle menschliche Existenz als auch das menschliche Miteinander betreffen. Das Christentum als Wurzel der Kultur und des geistigen Lebens entfaltet für zahllose Menschen in Deutschland, Europa und anderen Teilen der Welt seine haltgebende Wirkung im täglichen Leben der Gläubigen – und das ist zu allen Zeiten besonders wichtig. Die Erfahrung des Glaubens beginnt bereits in der Jugend, und gerade die Kraft und Überzeugung junger Menschen, die aus ihrer Freude am Glauben immer wieder neue Kraft schöpfen, ist es, die dazu führen wird, dass uns die christlichen Werte auch in Zukunft berühren.

Volker Bouffier (CDU) ist ‧Ministerpräsident des Landes Hessen.

Werner Schleifenbaum: Doppelpack

Auf einem Berg über Rio de Janeiro steht eine rund 30 Meter hohe Christus-Statue. Christus breitet seine Hände aus zum Segen. Diese segnenden Hände sind für mich ein Symbol dafür, dass Christus für die Menschen immer beides hat, die gute Nachricht und die gute Tat. Die gute Nachricht spricht von Gottes Liebe und von seinem Heil; und die gute Tat vollzieht Gottes helfendes Handeln. Meine Traumkirche gibt den Menschen Wort und Tat im Doppelpack. Zum Beispiel: Unsere Jugendkirche eröffnet regional die Aktion »7 Wochen Ohne«. Eingebacken in dem Brot auf dem Altar findet sich eine Bibel mit dem Buchzeichen bei dem Wort Jesu: »Ich bin das Brot des Lebens.« Vorher hat er 5000 satt gemacht. Doppelpack Jesus. Er gibt den Menschen Brot zu essen, und als lebendiges Brot ist er zugleich ihre geistliche Nahrung. In der Fastenzeit bieten wir als geistliche Nahrung täglich eine SMS mit einem Psalmvers an. Und ab dem Aschermittwoch verzichten viele auf Alkohol und Schokolade. Doch was haben andere davon? Alle können in unserem Kneipen-Gottesdienst an Karfreitag einen Betrag im Gegenwert dessen, worauf sie verzichtet haben, an die Tafelarbeit des Westerwalds spenden. Auch in diesem Jahr haben die Jugendlichen das Geld wieder persönlich bei der Tafel vorbeigebracht. Es mögen Mini-Schrittchen sein, aber wir wollen von Jesus lernen und beides geben, Nahrung für den inneren und für den äußeren Menschen, Heil und Wohl. Am Horizont dieser Mini-Schritte sehe ich sie, meine Traumkirche. Und mitten in ihr Christus mit seinen segnenden Händen.

Werner Schleifenbaum ist Jugendpfarrer im Evangelischen Dekanat Selters. Er leitet das Projekt Mobile Jugendkirche »Way to J« (Blog: www.way-to-j.de).

Angelika Stender: Alles voll

Ein ganz normaler Sonntagmorgen. Kein besonderer Tag im Kirchenjahr, kein besonderer Gottesdienst. Wie immer komme ich auf den letzten Drücker um die Ecke gesaust, will mein Fahrrad in den Ständer schubsen – doch was ist das? Alles voll. Ich finde für mein Rad einen Platz an der Kirchenmauer und wundere mich über die vielen am Straßenrand parkenden Autos. Muss wohl eine Großveranstaltung in der benachbarten Gaststätte sein, denke ich. Doch jetzt, wo ich die Kirchentür aufmache, stelle ich fest, dass die Autobesitzer und die Radler und auch wohl ein paar Fußgänger hier in den Kirchenbänken sitzen und sogar im Gang dazwischen stehen. Fröhliches Gemurmel allenthalben, Begrüßungen, Gesprächsfetzen und die Pfarrerin mittendrin. Viele Bekannte, einige Unbekannte, Alte, Junge, mittlere Jahrgänge, Männer, Frauen, Kinder. Ich suche mir einen Platz, die Orgel setzt ein. Ich schaue hoch und merke, es ist alles wie immer. Etwa ein Dutzend ältere Frauen sind da, plus zwei dazugehörige Ehemänner und drei Konfirmanden. Ich muss wohl bei der Predigt den Faden verloren haben und dabei ein wenig ins Träumen geraten sein …

Angela Stender ist Öffentlichkeitsbeauftragte der Dekanate Grünberg, Hungen und Kirchberg.
 

Anke Sevenich: Ein Platz für meine Seele

Mein Traum von Kirche steht für einen Ort, der Innehalten ermöglicht; jene kleinen Einschnitte im Alltag, um sich ein wenig zu ordnen und eine Art innere Inventur zu begehen.
Ein Ort an dem man für sich selbst sein kann, allein oder auch zusammen mit anderen.
Ein Platz für meine Seele und für meine Ohren.
Ein Platz für Stille, die man hören kann.
Ein Platz auch für eine ruhige und ungestörte Entwicklung in einer schnellen und lauten Zeit, in der alles gleich druckreif und auch bühnentauglich sein muss.
 Ein Ort, um ein wenig Geduld zu üben und eine Ahnung von Ewigkeit zu spüren, denn was diesen Traum vervollkommnet ist Zeit. Je älter, desto besser.
Warum? Man spürt es Kirchen einfach an, wenn in ihnen Jahrhunderte lang gebetet wurde. Mein Traum von Kirche ist still und alt. Aber gesungen werden sollte unbedingt trotzdem.

Als »Schnüsschen« in »Die zweite Heimat« von Edgar Reitz gelang der in Frankfurt lebenden Schauspielerin Anke Sevenich 1992 der Durchbruch. Die 52-Jährige ist in Film und Fernsehen eine der gefragtesten Schauspielerinnen Deutschlands. So war sie 15-mal sonntagabends im TV-Dauerbrenner »Tatort« zu sehen.

Uwe Berndt: Keine süße Harmoniesauce

Meine Traumkirche wäre eine Kirche, in der sich Jung und Alt treffen, links und rechts, Handwerker und Intellektuelle. Eine, in der sich nicht alle scheinheiligen Gutmenschen einig sind über die Rettung der Welt, sondern eine, in der auch mal gestritten wird. Und danach gefeiert.
Ich wünsche mir eine Predigt, über die ich mich auch mal ärgern kann. Das hält wach in der beheizten Kirchenbank. Keine süße Harmoniesauce, die es allen recht machen will. Hauptsache eine klare Haltung, es muss ja nicht meine sein. Und danach ein Abendmahl, bei dem ich mich verbunden fühle mit den anderen im Halbkreis am Altar. Weil es etwas gibt, was uns verbindet.
Und wenn dann die Orgel einsetzt, will ich wunderbare alte ‧Kirchenlieder singen, aus voller Kehle. Egal, ob jeder Ton sitzt oder nicht.
Wobei ...
Vieles davon passt ja sogar auf meine nette kleine Johannisgemeinde in Frankfurt-Bornheim. Da stand der Pfarrer sogar mal mit dem Bierglas auf der Kanzel. Anlässlich des Dorffests rings herum.
Vielleicht sollte ich ja doch mal wieder hin gehen ...

Uwe Berndt ist Moderator der Welle hr1 des Hessischen Rundfunks.

Harald Clausen: Gemeinschaft

Kirche ist Gemeinschaft. Sie ist auch soziales Engagement und damit Diakonie. Für mich steht die Kirche immer auch für die Verantwortung ‧gegenüber den sogenannten »Schwachen«.
Ich träume von einer Gesellschaft, in der jeder Mensch seinen Platz und seine Funktion hat, die derart organisiert und strukturiert ist, dass alle gebraucht werden und ihren Platz darin finden. Und in der sich alle Menschen zugehörig fühlen und Verantwortung übernehmen können und wollen.
Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Gesellschaften entwickeln sich auseinander und die Verteilungskämpfe nehmen zu – weltweit. Hier sind Kirche und Diakonie gefragt. Aber in unseren globalisierten Zusammenhängen nicht nur unsere Kirche und nicht nur unsere Diakonie.
In meiner Traumkirche übernehmen die Religionen dieser Welt gemeinsam Verantwortung für Teilhabe, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und für alles, was zu Gemeinschaft und einem gemeinsamen Bewusstsein von Zusammengehörigkeit führt. Die Religionen haben Autorität und werden gehört. Wenn sie gemeinsam das Anliegen einer »Teilhabe aller« zu ihrer Sache machen, und dann diese und auch andere Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellen – anstelle der Unterschiede – wäre viel gewonnen.
Für meine Traumkirche – und meine Traumgesellschaft.

Dr. Harald Clausen ist Direktor des Diakonischen Werks in Kurhessen-Waldeck.
 

Lieselotte Wendl und Siegmund Krieger: Mein Traum von Kirche?

Meine Traumkirche steht mitten im Leben. In ihr werden Kinder erzogen und Menschen ausgebildet. Sie schätzt das Wissen der Alten und ist neugierig auf die Ideen der Jungen.
Sie sorgt dafür, dass die Leisen eine Stimme bekommen und die Lauten auch mal weniger laut sind. Sie lacht mit den Fröh?lichen und weint mit den Traurigen.
Sie mischt sich ein, wo sonst keiner hinschaut. Sie ist an der Seite derer, die unsichtbar scheinen. Sie stößt Notwendiges an und kann neidlos anerkennen, wenn Andere etwas besser können. Dabei steht sie fest im Glauben an Gottes große Güte und gibt auch den Zweiflern Raum.
Sie geht denen nach, die verloren scheinen. Sie umarmt die ewigen Nörgler und macht deren Kritik fruchtbar. Das alles tut sie durch die Menschen, die in ihr leben und wirken.
Mein ganz persönlicher Traum: Gottesdienste – voller Musik und Freude, die mich beschwingt in die Woche gehen lassen. Liturgische Feiern, die mir Raum zum Nachdenken geben – allein in meinem Kopf, aber umgeben von Menschen, die mir nahe sind. Manchmal finde ich solche Gottesdienste schon verwirklicht – einfach traumhaft.

Lieselotte Wendl ist freie Journalistin, Kirchenvorstandsmitglied in der Thomasgemeinde Hofheim-Marxheim, Synodale im Dekanat Kronberg und in der Kirchensynode.

Mein Traum von Kirche ist lange her. Er ist deswegen nicht ausgeträumt. Mir steht eine Szene in New York 1969 vor Augen. Da wurde er wahr! Jumonville Baptist Church: ein heruntergekommener Kasten voller Leben. Junge Leute, alte Leute, Bürgerliche und Alternative, Schwarze und Weiße, Kinder, in einem großen Kirchenraum. Ein heiterer und sehr spiritueller Gottesdienst mit neuen Liedern, begleitet von einer Band.
Eins davon – komponiert vom Bandleader – gefiel mir so gut, dass ich mir am Tag darauf beim Verlag die Noten besorgte: »The Lord of the Dance«. (Das ist später auch im deutschen Kirchentagsrepertoire aufgetaucht.)
An die Predigt erinnere ich mich nicht mehr, aber an die Abkündigungen! Da wurde – es war die große Zeit der Bürgerrechtsbewegung – die Boykottaktion gegen den Pepsi-Konzern geplant, der keine Schwarzen einstellte. Am Ende feierten wir ein großes fröhliches Abendmahl an Tischen, mit Rotwein in Plastikbechern und Toastbrot.
Gemeinschaft der Heiligen – mein Traum!

Pfarrer Siegmund Krieger ist Öffentlichkeitsbeauftragter des Dekanats Darmstadt-Stadt.

Berndt Biewendt: Eine Kirche für andere

Die Allianz der christlichen Kirchen hatte an diesem Abend zu einer Veranstaltung in die Trinitatiskirche eingeladen. Gleich nach Beginn konnten die Besucher und Besucherinnen durch die Fenster einen lodernden Feuerschein sehen.
 Die Veranstaltung wurde fortgesetzt, obwohl Möbel aus den umliegenden Häusern geworfen wurden und Brandgeruch durch die Türen drang.
Das ist kein Albtraum von Kirche, sondern war Realität am Abend des 9. November 1938 in meiner Heimatstadt Mannheim.
 Die Trinitatiskirche steht ganz in der Nähe der Synagoge – in gerade einmal 200 Metern Entfernung.
Ich träume von einer Kirche, die nicht wegsieht und die sich nicht um sich selbst dreht.
Ich träume von einer Kirche, die sich einmischt, die sich engagiert, die kämpft, wenn Menschen und ihre Würde mit Füßen getreten werden.
Ich träume von einer Kirche, in der niemand vergessen wird.
Ich träume von einer Kirche, die Kirche für andere ist.
Ich träume von einer Kirche, mit der Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus und Sexismus nicht zu machen sind.
Und ich träume von einer Kirche, die sich bei allem, was geschieht, immer wieder fragt: Was würde Jesus dazu sagen?

Berndt Biewendt ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Dekanat Bergstraße.

Jutta Trintz: Die Quadratur des Kreises

Meine Traumkirche ist der Ort, in dem unser christlicher Glaube gelebt wird und das Leben zum Glauben gehört. Meine Traumkirche unterstützt mich in dem, was mir geschenkt ist, meinem Glauben. Meinem Glauben an Gott und an die Nachfolge Jesu und dass ich darin geborgen bin. Beruf und Familie und Umgebung, oft brauche ich die Hilfe meiner Traumkirche und sie gibt mir diese Unterstützung. Pfarrerinnen, Pfarrer und Theologen, stehen in meiner Traumkirche den Gemeindemitgliedern zur Seite, und die Laien unterstützen sie in der Seelsorge.
Meine Traumkirche ist offen nicht beliebig. Sie steht allen Menschen offen, allen, die bereit und guten Willens sind, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Meine Traumkirche erhält Werte ohne sie zu zementieren – die Grundlagen unseres evangelischen Bekenntnisses. Sie hinterfragt Strömungen des Zeitgeistes ohne ihm hinterher zu jagen.
Meine Traumkirche ist streitbar ohne zerstritten zu sein: Sie diskutiert Themen, die für die Zukunft wichtig sind, auch kontrovers. Sie lässt sich nicht einspannen, um andere Verantwortungsträger in unserer Gesellschaft zu entlasten. Jedoch übernimmt sie Verantwortung in ihrem Kernbereich. Dazu schafft sie Orte für Glauben ohne Orte zu heiligen. Meine Traumkirche weiß, dass es Orte geben muss, wo sich Gläubige versammeln, feiern, sich treffen, austauschen und beten können. Sie gibt die Möglichkeit der Schaffung solcher Orte. Ohne die Menschen sind diese Orte nichts. Meine Traumkirche handelt danach und erhält nicht nur Denkmäler.
Sie nutzt die Begabungen der Mitglieder ohne sie zu benutzen, denn meine Traumkirche schätzt alle. Die Armen, die Reichen, die Dummen, die Intelligenten, die handwerklich Begabten, die Künstler, die Musiker, die Kritiker, die Ja-Sager, die Optimisten und die Pessimisten. Alle sind sie unsere Traumkirche. Was wäre die Traumkirche ohne sie?
Meine Traumkirche ist die Quadratur des Kreises. So wie das Logo der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau – ein Kreuz mit vielen Facetten. (Auszüge)

Jutta Trintz ist Vorsitzende des Rechnungsprüfungsausschusses der Synode, Stellvertretende Vorsitzende des Regionalverwaltungsverbands Starkenburg- Ost und Kirchenvorsteherin der Stadtkirchengemeinde Langen.

Karl-Heinz Schell: Vom Traum in die Wirklichkeit

Passend zum Jahresbeginn war ein neues Tagebuch fällig. Anstatt in einen Laden zu gehen, wählte ich ein Buch für Vortragsnotizen, das ich anlässlich des fünften Jubiläums der Pekinger Niederlassung eines großen deutschen Stahlkonzerns vor einem Jahr geschenkt bekommen hatte. Gleich auf der ersten Innenseite steht schlicht und stolz der Slogan des Unternehmens: The future needs steel (Die Zukunft braucht Stahl). Das ist die Hardware. Dazu kann ich aus Erfahrung sagen: stimmt.
 Nachdem ein paar Tage im neuen Jahr vergangen waren, fand ich meinen eigenen Slogan für 2011. Der stammt von Johann Wolfgang von Goethe, steht nun außen auf dem Tagebuchdeckel und lautet: Was immer du erträumst, beginne es. Ergänzt wird er seit ein paar Wochen von der mit grüner Tinte geschriebenen Zeile einer Religionsschülerin der 5. Klasse der Deutschen Botschaftsschule: Vom Traum in die Wirklichkeit. In diesen beiden Aussagen steckt die Software. Auch die stimmt. Was immer du erträumst, beginne es, und vom Traum in die Wirklichkeit, beides hat mit meiner Traumkirche zu tun. Wenn ich diese Kirche schon vor mir, oder besser: in mir sehen kann, wenn ich schon weiß, wie sie sich anfühlt, dann hat sie begonnen, sich zu materialisieren, sich zu inkarnieren, Fleisch zu werden. So wie Gott in Jesus Fleisch wurde. Fleisch: das ist gleich Mensch. Meine Traumkirche, das ist die wahre Menschkirche. Die Kirche des wahren Menschen Jesus, und die Kirche, in der Besucher und Mitglieder ihr wahres Menschsein entdecken und entfalten können. Mensch sein, das ist Kind Gottes sein. Urgeborgenheit. Eine Urgeborgenheit, die paradoxerweise Flügel für die Freiheit bereit hält. Je größer die Geborgenheit, umso größer die Freiheit.
Ich erlebe genau dies in meinen deutschsprachigen Gemeinden in Nordostchina; in Peking, in Changchun und in Qingdao. Ich staune, wie Menschen Gott einladen in ihr Leben, wie Gott in ihren Herzen behutsam Wohnung nimmt, und wie sich vieles – bisweilen erst durch manche Kämpfe und Schmerzen und mit viel Geduld – zum Guten verändert. Ich staune auch darüber, welche Menschen Gott in unseren Gemeinden zusammenführt, damit sie ein Stück Lebensweg miteinander teilen, für eine Weile einander unterstützen und stärken, vielleicht auch kritisch begleiten können. Ich erkenne darin Gottes liebende Fürsorge. Und ein drittes Mal staune ich darüber, welch eine Kraft eine solche Gemeinschaft nach außen entfalten kann, zu denen hin, die gar nicht dazugehören. Nächstenliebe nennt das die Bibel.
Mit anderen Worten: Frage nicht, wer dein Nächster ist, sondern frage, wem du zum Nächsten werden kannst. Diesen Lifestyle gibt es so nur in der christlichen Religion; hier in China kann man das überdeutlich erleben. Träumen kann der Anfang neuer Wirklichkeit sein. Wenn ich es einmal anders nenne, nämlich Gottvertrauen, dann haben wir darin den Zugang zur größten Kraftquelle des Universums. Dir geschehe, wie du glaubst, sagt Jesus.

Karl-Heinz Schell ist Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache Peking in China.

Ursula Steube: Lebendiger als andere Orte

Meine Traumkirche – ein Ort, der ist lebendiger als andere. Die Farben leuchten heller, sind nicht von dieser Welt und sind es doch. Da ist Chagall mit seinen blauen Fenstern und Riemenschneider mit seiner Madonna. Nolde bringt einen Strauß aus friesischen Gärten und Vincent hat seine Sonnenblumen auf den Altar gestellt, sonnensatte Sommerfarben.
 Bach, Händel, Mozart, Beethoven musizieren und sie finden diesen einen erschütternden Ton, der sagt: »Das ist Schöpfung!« Traumkirche – alles ist tiefer, dichter, innerlicher. Hier bin ich mehr als ich, denn ich kann Gott und sein Reich der Stille anzapfen. Hier bin ich still, hier darf ich's sein. Kein Superstargejohle, kein Lärm um das Nichts eitler Selbstinszenierung, keine botoxgeblähten Lärvchen, die falsche Doktortitel im Dschungelcamp kaufen. Nichts Seichtes, Flaches, nur Klarheit, denn Er sagt: »Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen!«
Der Prediger, ein Glücksfall, aus Wörtern werden Worte. Hier sprechen alle und alles durch den Zauber der beredten Stille. Der Mensch fleht: »Verlasst mich nicht!« Das Tier klagt: »Quält mich nicht!« Und die Erde mahnt: »Schändet mich nicht, ich muss sonst tausend zertrümmerte Atome aus giftigen Wolken zurückspeien!« Meine kleine Traumkirche ist gleichzeitig riesengroß, gehalten von einer noch größeren Hand. Hier finden alle Platz. Der liebe Gott lacht über den Hochdekorierten mit seinen klimpernden Orden und setzt den abgewetzten Tippelbruder gleich daneben, denn der ist »eine Seele von Mensch« – eine Seele von Gott! Ich gehe wieder nach draußen und erschrecke. »Geiz ist geil!«, kreischen die Marktschreier. Wo höre ich noch »Liebe ‧Deinen Nächsten ...«? Merken die hier draußen gar nicht, wie kalt es wird, wenn sie ihre Traumkirche vergessen?

Ursula Steube ist Redaktionsassistentin der Evangelischen Öffentlichkeitsarbeit in Rheinhessen.

Wolfgang H. Weinrich: Bei Gott nachgefragt

Mit dem lieben Gott hab ich gerade vorhin mal wieder gesprochen. Es kommt häufiger vor, dass wir reden. Manchmal Minuten lang. Ich bin immer wieder überrascht, dass er sich für mich Zeit nimmt.
Wirklich. Er hört dann richtig zu. Setzt sich hin und sagt: »Erzähle!«
So viel, wie der unterwegs ist und dann noch überall sein soll – ist das doch überraschend. Ab‧gesehen von seinen eigenen Ansprüchen, dafür zu sorgen, dass alles gut wird.
 Ich habe ihn also gefragt: »Sag' mal, was glaubst Du, ist eine Traumkirche?« »Ach du lieber Mensch!«, meint er, das sagt er immer, wenn er un‧sicher ist, ob ihm die Frage gefällt. »Ach du lieber Mensch! Das ist eine gute Frage.«
Ich ahne, dass er Zeit gewinnen will. Davon hat er im Vergleich zu mir genügend.
Er zieht das folgende »Nun« langsam durch den Mund, es wird zu einem »Nuuuuun«. Und sagt: »Nun, ihr Menschen meint ja mit dem Wort Kirche die, die zu mir gehören. Aber zu mir gehört viel mehr. Lass es mich so sagen: Meine Traumkirche hat als Dach den Himmel und als Boden die Erde. Die Menschen und alles, was atmet, leben so, dass sie erkennen, dass der Tod die beste Erfindung des Lebens ist. Weil, nun ja, weil sie damit die Zeit ernst nehmen müssen und trotzdem fröhlich sein können. Was hältst du davon?«
Immer, wenn ich mit dem lieben Gott gesprochen habe, habe ich danach mehr Fragen als Antworten. Er hat von »seiner« Traumkirche geredet und natürlich ganz groß gedacht.
Aber ist das nicht vollkommen richtig?

Wolfgang H. Weinrich ist Referent für Kommunikationsprojekte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

Karl Heinrich Schäfer: Einladend und wertschätzend

Wenn ich nach meinem Befinden in meiner Kirche gefragt werde, dann sage ich guten Gewissens und meistens frohen Herzens: Ich fühle mich wohl!
In meiner Kirchengemeinde wird das Wort Gottes lauter verkündet und werden die Sakramente recht verwaltet. »Wo dies geschieht«, so heißt es in Artikel 1 unserer Kirchenordnung, »steht die Verheißung in Kraft, dass Jesus Christus selbst gegenwärtig ist, durch den Heiligen Geist den Glauben wirkt und Menschen in seinen Dienst stellt«.
Das ist so bei uns in der Gemeinde, wo der Kirchenvorstand und der Pfarrer glaubwürdig und gewissenhaft ihrem Auftrag nachkommen, die Menschen in ihren Anliegen, Fragen und Bedürfnissen ernst nehmen und für gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen.
In meiner Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau werden das ökumenische Miteinander und das Verhältnis zu den politisch Verantwortlichen im Land sorgsam gepflegt. Ich finde in der hessen-nassauischen Kirche einen logischen Aufbau von der Gemeinde über das Dekanat bis hin zur Gesamtkirche. Ich schätze die sehr deutliche synodale Struktur auf allen Ebenen. Ich erlebe hier Tradition ohne Einzementierung und Verbindlichkeit ohne Einengung.
Mein Traum: Auch und gerade in stürmischen Zeiten ist meine Kirche einladend, nimmt die Menschen in ihren verschiedenen Frömmigkeitsempfindungen ernst. Leitungshandeln auf allen kirchlichen Ebenen orientiert sich an den Bedürfnissen der Basis und bringt dem freiwilligen und ehrenamtlichen Engagement aufrichtige Wertschätzung entgegen.

Karl Heinrich Schäfer war von 1992 bis 2010 Präses der hessen-nassauischen Kirchensynode.

Annegret Zander: Ein bisschen wie Garküche

Mein Freund Christoph Riemer, ein Künstler, hat sich eine Garküche bauen lassen. So wie die Straßenküchen in der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Auf der Gasflamme hat er schon in Seminarräumen, Kirchen und im Freien gekocht. Lauter fremde und vertraute Köstlichkeiten.
Er lädt zu »Spirituellen Garküchen« ein. Und fragt: »Was wärmt Deine Seele?«
Leute unterschiedlichster Art treffen ein, schnippeln Zutaten, kommen ins Reden, nebenan laufen Videoclips, Bibelzitate kommen per Zettel ins Spiel, Musik aus aller Welt, Fotobücher liegen herum.
Es bruzzelt und köchelt an allen Ecken. Fängt an zu duften. Kleine Geschmacksproben werden gereicht, fremd und herrlich.
Ein bisschen so träume ich mir Kirche: ein mobiler Herd, auf dem die Zutaten, die wir mitbringen, die Geschmäcker des Lebens, verwandelt werden in etwas, das uns zutiefst nährt.
Gastfreundschaft, genügend Klappstühle, Teller und Menschen, die wissen wollen, was ihre und meine Seele wirklich nährt.
Und die ihre Sehnsucht und ihre Geschmacksproben gerne mit anderen teilen.

Pfarrerin Annegret  Zander ist Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums für die zweite Lebenshälfte (ebz) in Bad Orb und Playing Artist.

Michaela Scharff: Alles zu seiner Zeit

Mein Traum von Kirche ist lauter Gegenwart. Eine Gegenwart bevölkert von Menschen, die aufeinander Acht geben. Niemand muss sich verzehren lassen von der Erinnerung an erlittene Ungerechtigkeit. Keiner trägt die Last des guten Vorsatzes, morgen ein besserer Mensch sein zu müssen als heute.
In meinem Traum von Kirche sind Menschen fähig, zu vergeben statt zu verbittern und willens, zu gönnen statt zu neiden. Sie leisten sich Großzügigkeit und wagen Freundschaft, ehe sich ein Vorteil daraus ergibt. Sie bieten einander manchmal die Stirn und meistens die Hand. Sie kleiden sich bunt und lachen herzlich. Sie feiern und weinen, essen und teilen, singen und schweigen – alles zu seiner Zeit.
Die Vorstellung von einer geschichts- und zukunftsfreien Zeit setzt für mich viel Energie für den Augenblick frei. So träume ich mit Meister Eckhart: »Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige. Immer ist der bedeutendste Mensch der, der dir gegenüber steht. Immer ist das notwendigste Werk die Liebe.«

Michaela Scharff ist für die Öffentlichkeitsarbeit im Dekanat Lauterbach zuständig.

Wolfgang Gern: Ansteckende Gemeinschaft

Ich befinde mich in der Eisenbahn in Indien, südlich von Madras, auf dem Weg in eine Missionsstation der lutherischen Kirche. Im Zugabteil sind es etwa 40 Grad, der Fahrtwind mildert die Hitze. Gesprächspartner mir gegenüber in der Holzklasse des Zugs ist ein Hindu-Brahmane, der zu mir sagt: «Ja, ja, das Christentum – sehr interessant. Besonders das Johannesevangelium. Jesus nennt sich Licht, Wahrheit, Hirte – wirklich gute Worte des Guru Jesus. Aber dass euer Guru ans Kreuz geht, passt einfach nicht. Ein Guru verliert nicht. Das ist ein Unfall, ein Misserfolg. Der hätte nicht passieren dürfen.« 
Es hat mich einiges gekostet, dem Brahmanen zu erklären, was es mit dem Kreuz auf sich hat. Dass Christus in aller Schwachheit in die Welt kommt, dass er mitten in das Leiden ‧hinein geht, um bei uns zu sein in unserer Schwachheit. Dass seine Kraft in den Schwachen mächtig ist.
Dies ist nicht nur für einen Hindu nicht leicht zu verstehen. Es ist eigentlich das genaue Gegenteil von dem, was viele über Gott denken. Aber dies ist der Kernpunkt unseres Glaubens.
Daher ist Kirche glaubwürdig, wo sie sensibel bleibt. Dass sie sich vom Schmerz der Menschen berühren lässt, dass sie sich nicht abwendet vom Leiden der Menschen. An dieser Mitleidenschaft entscheidet sich, ob uns unsere Botschaft von der Hoffnung abgenommen wird.
Ich träume von einer Kirche, die standhält, auch wenn es schwer wird. Im Jahre 1964 habe ich in der Berliner Waldbühne als Kind die Predigt von Martin Luther King gehört: »Mit unserem Glauben werden wir fähig sein, vom Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung abzutragen.«
 Auf diesen Glauben, auf diese Gewissheit kommt es an – dass Gott Ja zu uns sagt, selbst wenn alle Welt dagegen spricht. So halte ich an dem Traum fest, dass meine Kirche Güte und Barmherzigkeit ausstrahlt und immer wieder eine ansteckende Gemeinschaft wird.
Ich träume von einer Kirche, die sich nicht abfindet mit Lieblosigkeit und Unmenschlichkeit. Die mit ihrem Zeugnis ein hoffnungsvolles und menschenfreundliches Widerlager bleibt – klar im Zeugnis und exemplarisch im Handeln.
 
Wolfgang Gern ist Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau.
 

Bea Ackermann: Nachfolge Jesu leben

Meine Traumkirche ist die Kirche, die weiß, dass sie im ursprünglichen Sinn keine von Menschen aufgebaute Institution ist, sondern die Gemeinschaft von Menschen, die in der Nachfolge Jesu leben und in seinem Geiste reden und handeln. Eine Gemeinschaft, die über all ihren Problemen nicht vergisst, was ihre wichtigste Aufgabe ist: den Traum Gottes mit zu träumen.
Reich Gottes oder Himmelreich nennt die Bibel diesen Traum und mit Jesus hat dieser Traum begonnen, Wirklichkeit zu werden. Wie wir diesen Traum mitträumen können, das hat Jesus in seinem Reden und Handeln klar und deutlich vorgelebt. Er hat die Menschen dort aufgesucht, wo sie leben. Mit seiner frohen Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes zu allen Menschen, gerade zu den Armen und Schwachen, den Mühseligen und Beladenen, hat er das Leben der Menschen verändert. Die Kinder hat er in den Mittelpunkt gestellt mit ihrer Fröhlichkeit, aber auch mit ihrer Fähigkeit zu vertrauen.
So träume ich von einer einladenden Kirche, die auf die Menschen zugeht, die hinausgeht und die Menschen dort aufsucht, wo sie leben. Ich träume von einer fröhlichen Kirche, in der die Kinder einen ganz wichtigen Platz haben, und von einer geschwisterlichen Kirche, in der es kein oben und unten gibt, von einer Kirche, die sich noch stärker als bisher engagiert für die Armen und Schwachen und in der Menschen etwas spüren von Gottes zärtlicher Liebe.
Ich danke Gott, dass ich in Auringen eine Gemeinde gefunden habe, in der ganz viele Menschen diesen Traum mit mir träumen.

Bea Ackermann ist Pfarrerin im Wiesbadener Stadtteil ‧Auringen. Sie ist ‧Vorsitzende der »Zehn Prozent«-Aktion und hat im vergangenen Jahr aus privaten ‧Mitteln eine eigene Stiftung gegründet.

Heide Künanz: Visionen leben

Wie ich mir Kirche träume? Als ein Haus der Gastfreundschaft für alle Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Mit der Gewissheit, vorurteilsfrei aufgenommen zu werden. Solange, bis das Leben wieder eine Perspektive bietet.
 Diese Idee lebt nun schon seit 15 Jahren die diakonische Basisgemeinschaft »Brot und Rosen« in Hamburg; zehn Frauen, Männer und Kinder, die geschwisterlich zusammenleben, unterstützt von Freiwilligen.
Als Haus der Gastfreundschaft nimmt diese christliche Lebensgemeinschaft obdachlose Flüchtlinge ohne bürokratische Hürden auf. Sie finden dort ein Zuhause auf Zeit, um durchatmen zu können und eine Perspektive zu entwickeln.
Unter einem Dach leben hier Menschen aller Kulturen, teilen miteinander Freud und Leid, den Haushalt, feiern Feste. »Brot und Rosen« leistet nicht nur Soforthilfe. Sie nimmt den Auftrag zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ernst, ist politisch aktiv und global vernetzt.
Visionen leben – kein Traum, sondern Wirklichkeit.

Heide Künanz ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit des Evangelischen Vereins für Innere Mission (EVIM) in Wiesbaden.

Jens Schawaller: Musik als Gotteslob

Die Kirche füllt sich unter Glockengeläut und die Menschen – junge wie alte – nehmen in den Bankreihen Platz. Orgelspiel, Chor- und Gemeindegesang erfüllen den Raum mit Leben, Klängen und mit Gotteslob. Und alle machen mit.
Kirche – das ist der Raum für den Gottesdienst, der Raum für geistliche Konzerte, für Proben und für Unterricht; Kirche – das sind diejenigen Menschen, die sich durch die Musik mit dem Evangelium auseinandersetzen und ihren Glauben dadurch aktiv leben.
Kirche – das ist die Gemeinschaft all derer, die Gottes Einladung annehmen und mit ihren Gaben »ihre Kirche« aufbauen und erhalten.
Und Musik ist dafür ein wichtiger Baustein. Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlichen Geschmacks musizieren in verschiedenen Stilen zur Ehre Gottes – Tradition und Innovation stehen gemeinsam im Dienste Jesu. Gottesdienste und Konzerte loben Gott, trösten Menschen und feiern Jesus.
Ehren- und Nebenamtliche arbeiten mit Hauptamtlichen zusammen, Pfarrerinnen und Pfarrer reichen sich geschwisterlich mit Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern die Hand.
Ein Traum von Kirche …

Jens Schawaller ist Dekanatskirchenmusiker und lebt in Montabaur.

Eva Rhodius-Reinprecht: Modern und tolerant

In meiner Traumkirche ist Gemeinschaft ganz wichtig. Hier kann man sich wohl fühlen, man trifft spannende Menschen und wird so angenommen, wie man ist. Es gibt die Möglichkeit, sich auszutauschen, sich selbst weiter zu entwickeln, Anstöße zu geben und zu bekommen.
Meine Traumkirche ist offen, modern und tolerant und steht gleichzeitig für eine christliche Werteorientierung und Ethik.
 Meine Traumkirche betrifft alle Bereiche des Lebens: man kann zusammen feiern und Spaß haben, man kann zusammen zweifeln und diskutieren, man kann zusammen leiden und trauern, Trost und Hoffnung suchen und finden.
In meiner Traumkirche gibt es viele Facetten des Mitmachens und Teilhabens: im Gottesdienst und anderen Veranstaltungen, regelmäßig oder punktuell, als Nutzer der Angebote und Hilfen, virtuell oder real, aktiv oder passiv, als Mitglied oder Besucher, als Mitarbeiter in den vielfältigen Arbeitsbereichen, die Kirche zu bieten hat.
Meine Traumkirche ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft, hat eine Meinung, übernimmt Verantwortung und mischt sich ein.

Eva Rhodius-Reinprecht ist Leiterin des Bereiches Workshops und ‧Seminare in der Jugendkulturkirche Sankt Peter in Frankfurt am Main.
 

Matthias Pieren: Eine lebendige Gemeinschaft

Ich träume von einer Kirche als Gemeinschaft von Menschen für Menschen. Kirche ist ein wunderbarer Veranstaltungsort für Konzerte. Kirche als Träger von Kindertagesstätten oder Anbieter von Kinderchören ist ganz wichtig. Der geistliche Zuspruch im Gottesdienst kann Gold wert sein. Die seelsorgerliche Begleitung durch Hauptamtliche kann Menschen durch schwere Zeiten helfen.
Doch möchte ich Kirche nicht zum Anbieter von Dienstleistungen reduzieren. Dann ist Kirche tot. Lebendig wird Kirche für mich erst durch Gemeinschaft. Darauf muss ich mich auch einlassen. Ich träume davon, dass sich diejenigen meiner Generation, die einst in ihrer Jugend oder als junge Erwachsene unter dem Dach der Kirche Gemeinschaft erlebt haben, wieder der Kirche annähern.
Lebendig wird das Miteinander dann, wenn Menschen sich trauen, auch über ihre Hoffnungen, ihren Glauben oder ihren Nicht-Glauben zu sprechen. Meine Traumkirche möchte ich mit anderen Menschen leben, die auch eine Hoffnung in Kirche setzen. Und wenn es nur ein Fünkchen ist.
Für die Realisierung dieses Traums muss ich aber an der Gestaltung einer einladenden Kirche mitarbeiten – und darf nicht warten, bis diese einladend wird. Meine Traumkirche ermöglicht Gemeinschaft. Kirche in Dorf, Stadt und Land bietet mit ihren Räumlichkeiten und ihren Mitarbeitern dazu doch optimale Bedingungen!? Traumkirche muss man mit leben und nicht konsumieren.

Matthias Pieren ist freier ‧Journalist und Mitglied in einem Kirchenvorstand. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
 

Annette Bock-Heinz: Ort für Familien

Ich versuche erstmal zu klären, was eigentlich die Kirche ist. Ein Gebäude, alt, verstaubt, oder sind es die Menschen, die in die Kirche gehen oder doch eher die kirchlichen Veranstaltungen? Ich nehme ein Sachlexikon zur Hand. Ich wähle eines für Kinder und erhoffe mir eine leicht verständliche Aussage. Zu meinem Erstaunen finde ich das Wort Kirche nicht. Stattdessen gibt es Weihnachten und Ostern, zwei christliche Feste, die der Geburt und Auferstehung Jesu gedenken, so die Erklärung. Eine Reduzierung auf die »Highlights« Ostern und Weihnachten im Kirchenjahr? Dazwischen gibt es nichts? Für meine Traumkirche ist das viel zu wenig. Ein neuer Versuch: Ich frage meine Kinder (4 und 6 Jahre). »Mama – Kirche, das ist Krippenspiel, Kinderchor, Kinderkirche und als wir alle zusammen wegfuhren.« Für mich steht fest, es sind die vielen Menschen, die meine Traumkirche entwerfen. Eine lebendige Kirche ist ein Ort an dem meine Familie sich wohlfühlt. In die wir gerne gehen, denn in ihr macht es Spaß, auf vielfältige Weise gemeinsam etwas von der Liebe Gottes zu den kleinen und großen Menschen zu erfahren.
Meine Traumkirche ist nicht nur ein Ort zum Lachen und Feiern, sondern es ist auch ein Ort, um zur Ruhe zu kommen und Zeit für sich zu finden. Wo Menschen ernst genommen, wo familiäre Probleme nicht totgeschwiegen werden, sondern wo Familien lebenspraktische Hilfestellungen für ihre kleinen und großen Sorgen erfahren. Wo Patch‧work-‧Familien neben traditionellen Vater-Mutter-Kind-Familien und alleinerziehenden Eltern in der Kirchenbank sitzen und Antworten auf ihre Fragen bekommen.

Annette Bock-Heinz ist  Mitglied des Kirchenkreis-Vorstands Gelnhausen.
 

Ulrich Oelschläger: Tradition und Innovation

Traumkirche Oberursel«, sicher erwartet uns zum Hessentag etwas ebenso Beeindruckendes wie 2010 mit der Lichterkirche, ein spiritueller Erlebnisraum, der träumen lässt, Visionen freisetzt, einen anderen Zugang zur gelebten Wirklichkeit eröffnet als der Kopf allein. Kirche, das knüpft an ein besonders gestaltetes Gebäude an, meint jedoch mehr! So sitze ich gern in meiner Gemeindekirche, der Magnuskirche in Worms, einer Basilika aus dem 8. Jahrhundert, an der viele gebaut und umgestaltet haben, neue Steine verbaut, aber auch neue Gedanken geprägt haben. Der alte Name des Füssener Heiligen ist geblieben, und doch ist es die älteste Kirche im Südwesten, in der evangelisch gepredigt wurde und in der die erste Trauung eines evangelischen Pfarrers stattgefunden hat, eine Kirche, an der viele Pfarrer und Ehrenamtliche gewirkt haben und sich sowohl mutig dem Zeitgeist entgegen geworfen als auch ihm gefrönt haben, in der Zeit des Nationalsozialismus etwa. Zwei Bombenangriffe haben die Kirche 1945 völlig zerstört, die große Glocke lag auf den Trümmern des Turms, aber der um 1500 entstandene Taufstein blieb völlig unversehrt und weist ebenso in die Zukunft wie der weiße Pfeil auf dunklem Hintergrund, vor archaisch anmutenden Strukturen, dem Kunstwerk »fleche blance« des katalanischen Künstlers Antoni Tàpies, das seit 1988 – gestiftet vom Kulturfonds der Wormser Wirtschaft – als Zentrum einer Meditationsinsel im Seitenschiff die Kirche ziert. Tradition und Innovation, alte und neue Wege, das symbolisiert für mich diese Kirche und, dass es so bleibt, ist mein Traum. Wie formuliert Melanchthon so schön in CA 7: »Und ist nicht not zur wahren Einigkeit der christlichen Kirche, dass allenthalben gleichförmige Ceremonien, von den Menschen eingesetzt, gehalten werden.«

Ulrich Oelschläger ist Präses der Evangelischen Kirche in ‧Hessen und Nassau.
 

Christine Breidenstein: Eine Heimat für alle

Christine Breidenstein

Mein Traum von Kirche ist definitiv nicht von Äußerlichkeiten geprägt. Ich kann mich in einer alten, schmuckvollen Kirche genauso wohl fühlen, wie in einer modernen Kirche, die vielleicht sogar Veränderungsmöglichkeiten (wie flexible Stühle) zulässt. Ich möchte mich in (m)einer Kirche willkommen fühlen und ein Stück weit auch zuhause. Manchmal frage ich mich, haben in unseren Kirchen alle Menschen einen Platz, beziehungsweise können alle dort einen Platz finden? Oft erlebe ich in meiner Arbeit, dass die jungen Leute über die Alten schimpfen und die alten Menschen über die jungen. Und wenn man dann alle mal zusammenbringt, etwas gemeinsam macht und erlebt, dann stellen viele schnell fest – so schlimm sind die anderen nicht ... und man kann ja voneinander profitieren und voneinander lernen. Ich wünsche mir in meiner Traumkirche, dass alle Menschen dort eine Heimat finden, jede und jeder mit seiner ganz eigenen Lebensbiografie, dass alle so sein können wie sie sind und was sie sind, ohne beäugt oder gar verurteilt zu werden. In meiner Traumkirche dürfen und sollen sich alle mit ihren Gaben und Fähigkeiten einbringen, ohne Angst, nicht akzeptiert zu werden, weil man ist, wie man ist, und ohne sich gegenseitig oft das Leben schwer zu machen. Daran bauen Haupt- und Ehrenamtliche gleichermaßen, weil alle das gleiche Ziel haben – eine gemeinsame Heimat in einer großen Gemeinschaft von Christinnen und Christen.

Christine Breidenstein (Dekanat Gladenbach) ist Erzieherin, Vorsitzende der Dekanatsjugendvertretung, Mitglied im Dekanatssynodalvorstand, Prädikantin, Mitarbeiterin in der Jugendarbeit.

Martin Abraham: Nicht »die«, sondern »wir«

Ich bin auf Geburtstagsbesuch. Das Wohnzimmer ist gutbürgerlich eingerichtet. Eine Schrankwand, ein großer Flachbildschirm, schwere Vorhänge. Es gibt Kaffee und Kuchen, die Stimmung ist gelöst. Da fragt mich eine Jung-Seniorin aus der Runde: »Herr Pfarrer, wo Sie gerade hier sind, sagen Sie doch mal – was macht die Kirche eigentlich heute so, um den Leuten was zu bieten?«
Das ist mein Albtraum von Kirche. Kirche als Dienstleister, der Entertainment für ‧besondere Momente liefert. Oder aber als anonymes Unternehmen, das von irgendwie zuständigen Personen betrieben wird. Mein Albtraum ist, wenn Menschen zwar Mitglieder von Kirche sind, sich aber nicht als Teil von ihr empfinden. Sie sprechen von »der Kirche« – und spüren nicht, dass sie selber Kirche sind oder sein könnten. Wie sieht dem gegenüber mein Traum aus? Etwa so: Kirche ist, wo Menschen merken, dass Gott mit ihnen zu tun hat. Ganz persönlich und ganz konkret. Kirche ist, wo sich bei jeman-dem der Lebensmittelpunkt verschiebt, weg von sich selbst, hin zum Nächsten. Kirche ist, wo Hoffnung empfangen und auch weitergegeben wird.
Wo Menschen wahrnehmen: Jesus Christus lebt in mir. Er verändert und erneuert, er stärkt und korrigiert mich. Er verbindet mich mit anderen. Ich bin nicht mehr allein unterwegs. Dieser Traum ist Wirklichkeit. Nur: Es haben noch nicht alle gemerkt.
 

Martin Abraham ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Bruchköbel.
 

Eli Wolf: Miteinander nach Wegen suchen

Eli WolfIch träume von einer Kirche, die Menschen Möglichkeiten schafft, sich als Gottes Ebenbilder zu erleben. Frauen, Männer und Kinder sollen die Fülle ihrer Möglichkeiten entdecken und frei leben können. Das klingt einfach, ist aber eine Herausforderung. Denn dazu gehört es, bestehende Diskriminierungen, Abwertungen und Ausgrenzungen zu erkennen und Schritte zu ihrer Überwindung anzugehen. Es geht um tiefgreifende Veränderungen, zu der auch Einsicht in geschichtliche Irrtümer und Analysen von Strukturen gehört, die Über- und Unterordnung von Menschen hervorrufen. Auch unbequeme theologische Fragen gehören dazu. Zum Beispiel inwiefern unsere Gebete zum Herrn und an Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist eine männliche Überordnung fördern und es Frauen schwer machen, sich als Gottes Ebenbilder zu erkennen. Aktuell finde ich auch die Frage nach menschlicher Sexualität und Lebensform. Ich wünsche mir eine Kirche, die dagegen aufsteht, dass lesbische Frauen und schwule Männer abgewertet werden und Homosexualität als Sünde abqualifiziert wird. Mit diesen Auffassungen entspreche ich sicher nicht der kirchlichen Mehrheit. In meiner Traum-Kirche wird folglich miteinander gerungen und nach Wegen gesucht, wie wir miteinander ein gutes Leben für alle Menschen gestalten können. Sie mischt sich laut ein in der Gesellschaft, wenn Respekt vor Menschen fehlt. Aktuell wäre dies die verbreitete Auffassung, dass Menschen nur vollwertige Teile unserer Gesellschaft sein können, wenn sie produktiv und leistungsstark sind.

Eli Wolf ist Pfarrerin für Frauenarbeit in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

TRAUMKIRCHE

Evangelische Kirchen
auf dem Hessentag
in Oberursel
vom 10. bis 19. Juni
www.traumkirche.de

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