SERIE: »Das ist evangelisch«

Ausstellung zeigt die Ergebnisse einer zündenden Idee

»Was heißt es für mich, evangelisch zu sein?« Diese Frage stellt sich wohl jeder Protestant ab und an – aber meistens still für sich. Im Dekanat Bergstraße machen das nun Kirchenmitglieder öffentlich auf Plakaten. Die Evangelische Sonntags-Zeitung begleitet die Aktion: In den kommenden Wochen veröffentlichen wir auf dieser Seite einige Beiträge der Reihe.

Was heißt es für mich, evangelisch zu sein?

LISA HECKMANN:

Ich kann meinen Glauben frei entwickeln und eigene Standpunkte vertreten und muss nicht das glauben, was mir jemand vorschreibt. Ich kann selbstständig denken und eigenverantwortlich handeln. Das ist mir auch in meinem angestrebten Beruf wichtig.
Ich möchte Bibeltexte selbst auslegen und der Gemeinde sagen, was ich davon halte. Ich selbst habe erlebt, welch posi‧tive Wirkungen Pfarrerinnen und Pfarrer haben können. Besonders reizvoll finde ich, dass sie mit Menschen aller Altersgruppen zu tun haben – von Kindern bis Senioren – und dass sich ihre Tätigkeit nicht ‧ausschließlich auf die Predigt beschränkt. Seelsorge halte ich für sehr wichtig. Im ‧Studium versuche ich, wissenschaftliches Denken und Glauben miteinander zu kombinieren.
Diesen Weg muss ich finden. Eine Beschränkung auf bloße theologische Wissenschaft wäre nichts für mich. An der Uni fällt es mir zwar leicht, Kontakte zu knüpfen. Doch ich vermisse dort die kirchliche Gemeinschaft, wie sie in meiner Heimatgemeinde praktiziert wird. Deshalb be‧suche ich auch gern die Gottesdienste, wenn ich zu Hause bin.«

Lisa Heckmann (Zotzenbach) ist Theologiestudentin

KIM KELLER:

Meine Eltern sind schon lange aus der Kirche ausgetreten. Mein Vater war katholisch, meine Mutter evangelisch. Sie meinten, ich solle später mal selbst entscheiden. Als sie mich fragten, ob ich mich konfirmieren lassen will, habe ich zugestimmt. Ich weiß gar nicht, ob ich richtig gläubig bin. Ich hinterfrage sehr viel. Ich glaube schon an Gott und einen Himmel, aber die Bibel kann ich nicht wörtlich nehmen.
Ich finde, in der evangelischen Kirche ist der Glaube nicht so gezwungen. Ohne Zweifel kann es eigentlich auch keinen Glauben geben. Wenn ich im Konfirmandenunterricht eine Bibelstelle nicht verstehe oder finde, dass sie einfach nicht zu ‧meinem Glauben passt, reden wir darüber. Der Pfarrer geht offen damit um und versucht es so gut wie möglich zu erklären. Ich finde auch gut, dass er sagt, wenn er sich bei einer Bibelstelle selbst nicht ganz sicher ist.
Als wir das Glaubensbekenntnis durchnahmen, fand ich es eher langweilig. Viel interessanter war es, als wir die einzelnen Passagen mit eigenen Worten wiedergaben und wir sagen konnten, was wir davon halten. Wichtig ist mir, dass wir im Konfirmandenunterricht frei sind. Wir haben einfach unsere eigene Meinung.«

Kim Keller (Viernheim) ist Konfirmandin
 

KATJA FOLK:

In Glaubenssachen wird einem nichts abgenommen – das ist für mich evangelisch. Dies ist zum einen eine Bürde, zum anderen bedeutet es Freiheit. Für mich überwiegt die Freiheit, mitdenken und mitentscheiden zu können. Ich glaube, dass Gott so groß ist, dass wir ihn nicht in ein Korsett sperren können.
Ich habe in der Evangelischen Fachhochschule Gemeindepädagogik studiert. Dort hat mal jemand gesagt, die evangelische Kirche ist wie ein Haus mit offenen Fenstern. Einige wenige meinen, es zieht. Ihnen ist es zu offen. Die meisten aber finden, es ist lebendig, weil immer ein frischer Wind weht. Diese Lebendigkeit schätze ich an der evangelischen Kirche.
 Ich engagiere mich im Kindergottesdienst. Kinder erlebe ich als offen und empfänglich. Man spürt gleich, ob man sie mit einem Thema begeistert oder nicht. Manche Eltern sagen: »Unser Kind soll später mal selbst entscheiden, ob es dazugehören, ob es getauft und konfirmiert werden will.«
Ich denke, für eine Entscheidung braucht man eine Grundlage. Deshalb möchte ich Kinder mit Glaubensfragen in Verbindung bringen. Ich bin überzeugt, dass man mit Kindern richtig Theologie betreiben kann.«

Katja Folk (Heppenheim) ist Dekanatsbeauftragte für Kindergottesdienst

IRMTRAUD WALTER:

Evangelisch sein heißt für mich, zur Gemeinschaft zu gehören und mich innerhalb dieser Gemeinschaft einzubringen. Ich kann meine Meinung sagen und habe die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wo ich Verantwortung übernehmen kann.
Ich habe mich dafür entschieden, in der Notfallseelsorge tätig zu werden. Das gehört zu meinem evangelischen Weg. Anlass war ein Fall in meinem Bekanntenkreis. Ich habe da erstmals Notfallseelsorger bei einem Einsatz erlebt. Ihr Engagement hat mich sehr beeindruckt. Für mich ist Seelsorge in einem Notfall, etwa nach einem Unfall oder einem plötzlichen ‧Todesfall, praktizierte Nächstenliebe. Und das versuche ich zu leben. Es kommt vor, dass mich ein Einsatz noch eine ganze Weile danach gedanklich beschäftigt – vor allem wenn Kinder betroffen sind. Da hilft es mir, bei der Einsatznachbesprechung mit anderen darüber reden zu können. Ich weiß nicht, ob mir die Erste Hilfe für die Seele immer gelingt. Menschen reagieren unterschiedlich. Das schönste Lob ist für mich, wenn Betroffene nach einem ‧Einsatz zu mir ‧sagen: »Gut, dass Sie da waren!«

Irmtraud Walter (Fürth) ist ehrenamtliche Notfallseelsorgerin

UDO MARKER:

Meine Mutter war eine gläubige Christin, mein Vater hat sich als Atheist bezeichnet, er war sehr sozial eingestellt. Der Glaube ist für mich nicht nur eine ‧Sache von Ritualen, sondern vom Leben, wie man sich gibt, wie man sich verhält und welche Haltung man einnimmt.
Evangelisch sein heißt für mich: sich einmischen, Position beziehen und Missstände anprangern. Ich habe sozialkritische Bilder gemalt, weil ich vieles, was in der Welt geschieht, als ungerecht empfinde, und diese Ungerechtigkeiten will ich darstellen. Ich habe mich sehr über die Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung gefreut. Das sind klare und eindeutige Worte. Ich finde es richtig, dass die evangelische Kirche Dinge offen anspricht, die nicht in Ordnung sind.
Das ist ein Weg, schwachen Menschen zu helfen. Von anderer Seite kommt da nicht viel. Ich habe oft erlebt, wie arme Menschen auch noch verspottet werden. Damit dürfen wir uns nicht abfinden. Da müssen Christen klare Kante zeigen. Und das erwarte ich auch von meiner Kirche. Wenn nicht wir, wer dann!?«

Udo Marker (Gorxheimertal) ist Künstler

INGRID BUCHMANN:

Für mich ist im Glauben die Liebe das Allerwichtigste. Gott liebt uns, ganz gleich, was wir machen und tun. Als evangelische Christin habe ich die persönliche Freiheit zu sagen, was Gottes Liebe für mich bedeutet. Und das kann ich in der Stiftungsarbeit zum Ausdruck bringen. Mit der Destag-Stiftung möchte ich insbesondere psychisch kranke Menschen unterstützen und ihnen helfen, ein selbstständiges Leben zu führen.
Dazu sind nicht immer gleich die ganz großen Projekte erforderlich, auch mit kleinerer Hilfestellung kann man viel bewirken. Zurzeit versuchen wir, richtige ‧Arbeitsplätze für psychisch Kranke zu finden. Auch wenn die Anzahl der Arbeitsstunden begrenzt ist, kann das sehr maßgeblich das Selbstwertgefühl stärken und die Genesung fördern.
Geld ist aber nur die eine Seite. Ich ‧habe zu allen Projektpartnern eine persönliche Beziehung aufgebaut. So konnte ich viele Menschen kennenlernen. Das hat mich selbst verändert. Ich sehe heute Bedürftigkeit anders und gehe viel offener mit psychisch Kranken um. Das Helfen bereitet mir Freude. Für mich ist das gelebte Nächstenliebe.«

Ingrid Buchmann (Bensheim) arbeitet für die Destag-Stiftung

 

DORIS SPIELHOFF:

Als evangelische Christin fühle ich mich stark. Das hat etwas mit Gemeinschaft zu tun und der Gewissheit, dass ich Gott hinter mir weiß. Ich möchte auch missionieren und zwar in dem Sinne, dass ich die Botschaft weitergebe, was es heißt, im Glauben zu leben. Es gibt viele, die traurig und allein sind – nicht nur unter den Älteren – und die gar nicht wissen, welche Angebote die Kirche macht, um Gemeinschaft erleben zu können. Meine Arbeit im Dekanat, die Arbeitsgruppen, die Vorbereitung des Weltgebetstags machen mir viel Freude. Das Frauenfrühstück in Einhausen ist mein »Baby«. Es kommen in der Regel zwischen 50 und 60 Frauen. Wenn eine Frau Interesse zeigt und mich fragt, ob es da arg fromm zugeht, sage ich: »Für Gott müssen Sie schon einen Platz frei halten.« Wenn Frauen neu hinzukommen, sind sie über die lockere Gemeinschaft angenehm überrascht. Mit Gott lachen können, auch das ist für mich evangelisch.
 Manchmal denke ich, dass ich Gott einiges zumute, wenn ich laut über meinen Glauben rede. Für manche Theologen sind meine Äußerungen vermutlich nicht ganz korrekt. Aber es gehört für mich zur evangelischen Freiheit. Die ist etwas ganz Besonderes. Sagen zu können, was ich denke und was ich glaube nach dem Motto »Yes, we are evangelisch«. Da stehe ich voll hinter.«

 Doris Spielhoff (Einhausen) ist Beauftragte der Dekanatssynode für Frauenarbeit

THOMAS BÜCHNER:

Demokratie und Freiheit gehören für mich ganz wesentlich zu meinem Verständnis von evangelischer Kirche. Ich habe die Freiheit, das auszuleben, was ich glaube. Ich kenne keine andere Glaubensrichtung, die so demokratisch ist wie der Protestantismus. Wenn wir in meiner Kirchengemeinde Abendmahl feiern, werden dazu zum Beispiel alle Gottesdienstbesucher ganz gleich welcher Glaubensrichtung ausdrücklich eingeladen. Diese Offenheit ist mir wichtig. Ich sehe das wie eine breite Straße, auf der wir uns in unserem Leben frei bewegen. Der Glaube gibt rechts und links, vorne und hinten Schutz und Halt. Er zeigt uns die Grenzen auf.
 Zu meinem evangelischen Selbstverständnis gehören auch Verantwortung, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit. Das Bemühen um den aufrechten Gang ist mir wichtig. Das spiegelt sich mitunter in den Umsatzzahlen, die ich nicht mache. Ich könnte bessere Geschäfte machen, wenn ich nicht ehrlich wäre.«

Thomas Büchner (Alsbach) ist Unternehmer
 

ELKE SCHULZE:

Ich bin skeptisch, wenn mir ein Geistlicher sagt: Gott will dieses oder jenes. Woher weiß er, was Gottes Wille ist? Was wahr ist und was nicht, darüber müssen wir immer neu und immer wieder diskutieren. Wir brauchen Gespräche über den Glauben in der Gemeinschaft. Weil ich mir meinen Glauben nicht vorschreiben lasse, bin ich tolerant und gestehe auch anderen die Freiheit zu, anders zu glauben als ich. Ich meine das nicht im Sinne einer Patchwork-Religiosität, bei der sich jede und jeder das für sich Passende heraussucht. Dass Jesus für uns am Kreuz gestorben ist, ist für mich nicht verhandelbar. Abgesehen davon empfinde ich die Vielfalt in der Ausformung des evangelischen Glaubens als bereichernd. Dabei ist mir das demokratische Prinzip in der evangelischen Kirche wichtig. Priestertum aller Gläubigen bedeutet für mich, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, in der evangelischen Kirche Verantwortung zu übernehmen und sich zu engagieren, ganz gleich ob es ein Mann oder eine Frau ist und unabhängig von der Ausbildung und den Kenntnissen.
Ob jemand Theologie studiert hat oder nicht, spielt dafür keine Rolle, jede und jeder kann seine und ihre Fähigkeiten gleichberechtigt einbringen. Das ist für mich evangelisch.«

Elke Schulze (Seeheim) ist Sozialarbeiterin

NORBERT HEBENSTREIT:

Evangelisch zu sein heißt für mich zum einen, auf Menschen zuzugehen und sich für Gespräche Zeit zu nehmen; zum anderen sich einzumischen und klar Position zu beziehen. So wie das Margot Käßmann mit ihrer Afghanistan-Predigt gemacht hatte. Oft fehlt mir in Gottesdiensten der Bezug zur Aktualität. Ich wünsche mir, dass unsere Kirche mehr gesellschaftliches Engagement zeigt. Aber als Gewerkschaftler und ehemaliger Betriebsrat bei der Papierfabrik Euler kenne ich auch positive Beispiele. Als 2006 die Firmenleitung ankündigte, den Standort in Bensheim zu schließen, hat uns das Engagement des Evangelischen Dekanats sehr geholfen. Wir haben dadurch öffentliche Unterstützung bekommen. Und es hat unsere Verhandlungsposition gegenüber dem Arbeitgeber gestärkt.
Dass evangelische und auch katholische Christen gemeinsam mit der Belegschaft auf die Straße gegangen sind und für den Erhalt der Arbeitsplätze demonstrierten, war eine große moralische Unterstützung. Es hat vielen von uns Stärke und Kraft gegeben. So sollte Kirche sein.

Norbert Hebenstreit (Gronau) ist Mitglied der IG Bergbau, Chemie, Energie                                                                                                                                                   

DORIS KEUNTJE:

Ich bin in einer reformierten Gemeinde aufgewachsen. Bis heute mag ich das Schlichte. Es steht für Offenheit, Klarheit und Ehrlichkeit. Mir ist es wichtig, dass jedes Gemeindemitglied zählt und die Möglichkeit hat, mitzuentscheiden und mitzugestalten. Als meine Kirchengemeinde eine Obfrau für die Tafelarbeit suchte, habe ich mich sofort angesprochen gefühlt.
 Ich möchte für Menschen, die auf die Tafel angewiesen sind, Verständnis wecken und andere dafür sensibilisieren, was es heißt, in Armut zu leben. Menschen, die Unterstützung brauchen, versuche ich auf gleicher Ebene zu begegnen. Ich bemühe mich, sie nicht spüren zu lassen, dass sie in einer Notsituation sind. Heute kann doch jeder Mensch plötzlich in eine solche Situation geraten. Man darf nicht immer gleich abwägen, warum jemand so wenig hat. Das kann an den Lebensumständen liegen.
Die Hilfe für bedürftige Menschen gleich welcher Herkunft und gleich welchen Glaubens ist für mich ein Gebot der Nächstenliebe. Ich habe auch Achtung vor anderen Religionen, für die Teilen ein Gebot ist. Mit dem Begriff »Missionieren« habe ich so meine Probleme. Statt zu missionieren ist es mir lieber, wenn Nächstenliebe praktiziert wird.

Doris Keuntje ist Obfrau für Tafelarbeit

CARMEN OESTREICH:

Ich unterrichte evangelische Religion an einem katholischen Mädchengymnasium. Schülerin zu sein ist heute ein Vollzeit-Job. Schule funktioniert nach Lehrplan und festen Regeln, die den Tag der Jugendlichen bestimmen. Innerhalb dieser engen Struktur möchte ich Freiräume schaffen und meinen Schülerinnen ‧ermöglichen, über Themen zu reden, die ihnen wichtig sind. Dabei geht es auch um die Frage, wie frei wir wirklich sind.
Ich versuche, deutlich zu machen, das Freiheit nicht absolut ist, sondern immer gekoppelt an Verantwortung. Das ist für meinen evangelischen Glauben wesentlich. Wichtig ist mir auch, meinen Schülerinnen zu zeigen, dass unsere Kirche nicht so hierarchisch ist. Viele Gottesdienste, die wir in der Schule feiern, bereiten die Schülerinnen gemeinsam im Religionsunterricht vor.
Bei den evangelischen Gottesdiensten ist es so, dass die Schülerinnen – eben weil alle alles dürfen – von der Begrüßung bis zum Segen jeden Teil des Gottesdiens-tes selbst übernehmen. Diese Freiheit nehmen wir uns. Für mich ist das praktiziertes Priestertum aller Gläubigen an einer katholischen Schule.«

Carmen Oestreich ist Pfarrerin in Bensheim
 

LUPOLD VON LEHSTEN:

»Als Historiker habe ich lange über die Reformation geforscht. Es war eine Zeit, in der sich die Menschen intensiv gefragt haben, was bedeutet mir der Glaube, in welcher Gemeinschaft lebe ich und wie werde ich gefordert. Das ist aus meiner Sicht heute ähnlich.
Deshalb schaue ich mir an, welche Antworten gab es damals und welche Antworten kann ich heute für mich wirksam werden lassen. Ich frage mich oft, ob es damals leichter möglich war, ein gelingendes Leben zu führen. Sind wir heute tatsächlich so frei und so aufgeklärt oder unterliegen wir nicht doch starken Zwängen und Zeitströmungen?
 In Luthers »Freiheit eines Christenmenschen« kann ich ein Gestaltungsprinzip erkennen: das Bewusstsein des Individuums, die Welt mitzugestalten. Meine Familie ist seit der Reformation evangelisch. So sehe ich heute in meiner Familie weiterhin einen Platz, an dem ich evangelisch sein will. Ich versuche den Platz auszufüllen und die Aufgabe zu erfüllen, die mir der Schöpfer gestellt hat.«

Lupold von Lehsten; Historiker Schönberg-Wilmshausen

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