GEMEINDEREPORT

Zotzenbach – ein »Kinderdorf«

Adventskranz aus Baumstämmen ist zum Exportschlager geworden • Von Berndt Biewendt

Wie überall im Dekanat Bergstraße hat sich auch in der Gemeinde Zotzenbach im Lauf der Zeit einiges geändert; eines aber ist in der Geschichte der Gemeinde stets gleichgeblieben: die Beharrlichkeit, die die Zotzenbacher zur Tugend entwickelt haben.

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Zwei Fliegen mit einer Klappe: Verhüllung des unansehnlichen Gerüsts und Bekenntnis zum Sonntag.

Im 19. Jahrhundert gehörte Zotzenbach zunächst zum Kirchspiel Rimbach. Als dorthin ein zweiter Pfarrer kommen sollte, ergriffen die Zotzenbacher die Initiative. Ihr Angebot: »Der Pfarrer kommt zu uns und wir bauen dafür aus eigenen Mitteln eine Kirche.« Gesagt und mit reichlich Muskelhypothek der Gemeindemitglieder auch getan. Kirche und Pfarrhaus wurden 1877 fertiggestellt. Seitdem ist Zotzenbach eine selbstständige Kirchengemeinde mit heute rund 1100 Mitgliedern.

Politisch gehört das Dorf zur Gemeinde Rimbach, die aktuell wieder die Beharrlichkeit der Zotzenbacher zu spüren bekommt. Sie setzen sich dafür ein, dass Krippenplätze im evangelischen Kindergarten eingerichtet werden. Ein solches Angebot sollte nicht allein in der Kerngemeinde bestehen, sondern auch in Zotzenbach, meint Pfarrer Hermann Birschel. »Der Bedarf ist da, und wir haben vor Ort räumlich wie pädagogisch ideale Voraussetzungen mit einem allseits anerkannten evangelischen Kindergarten sowie den hochengagierten und fachlich qualifizierten Erzieherinnen.«

Kinderbetreuung wichtig für Wahl des Wohnorts

Die Kirchengemeinde würde die Schaffung von Krippenplätzen finanziell unterstützen. In Zotzenbach weiß man auch, dass für junge Familien die Kinderbetreuung mit ausschlaggebend für die Wahl des Wohnorts ist. Die Entscheidung des Gemeindeparlaments steht noch aus. Über den evangelischen Kindergarten – den einzigen im Ort – haben viele junge Familien Kontakt zur Kirchengemeinde bekommen. Zotzenbach habe sich zu einem richtigen »Kinderdorf« entwickelt, meint die Leiterin des Kindergartens, Petra Nieder.

Kinderchor, Kinderfreizeiten und Krippenspiele

»Kinder sind bei uns ganz selbstverständlich Teil der Gemeinde. Sie werden als bereichernd, nicht als störend empfunden«, betont die Erzieherin, die auch möchte, dass neue Krippenplätze entstehen. »Es muss doch nicht sein, dass Eltern ihre Kinder mit dem Auto wegbringen müssen, wenn vor Ort eine Betreuung möglich ist.« Für die Kleinen in der Gemeinde gibt es ein großes Programm. Neben Kinderchor und Kinderfreizeiten ist auch die Bibelwoche in den Herbstferien sehr beliebt. Zu den Höhepunkten zählt das Krippenspiel, bei dem Szenen wie »Der kleine Hirte und der große Räuber« zu sehen sind. Der Räuber ist natürlich der Pfarrer, der sich, um verdächtig nach Räuber auszusehen, tagelang nicht rasiert.

Die Bereitschaft mit anzupacken ist groß

Zotzenbach ist ein Straßendorf im Bergsträßer Odenwald. Die Kirche steht dort mitten im Ort und ist das Wahrzeichen der Gemeinde. Mit ihr identifizieren sich die Einwohner, betont der Vorsitzende des Kirchenvorstands, Erich Nauth: »Als in den vergangenen beiden Jahren zunächst das Dach, dann die Fassade der Kirche renoviert werden musste, waren die Zotzenbacher wieder zur Stelle. Nicht nur die Spendenbereitschaft ist groß, auch die Bereitschaft mit anzupacken«, betont Nauth, der auch Mitglied der Synode der Landeskirche ist. Vor sechs Jahren wurde zudem der Förderkreis »Lebendige Kirchengemeinde Zotzenbach e. V.« gegründet. Er unterstützt den Gemeindeaufbau.

Bekenntnis zum freien Sonntag

Weil es schönere Anblicke gibt als ein Baugerüst um die Kirche, hatte die Gemeinde zur Kirchensanierung kurzerhand das Unvermeidliche mit dem Nützlichen verbunden. Beim Bundesverband der »Allianz für den freien Sonntag« orderte sie ein 6,40 Meter langes und 5,40 Meter hohes Transparent mit der Aufschrift »Sonntag – ein Geschenk des Himmels«; Blickfang und zugleich Bekenntnis für den freien Sonntag.

Nicht nur zu den Sonntagsgottesdiensten ist die Kirche gut besucht. Es werden über das Jahr hinweg auch immer wieder Konzerte veranstaltet, die auf große Resonanz stoßen – etwa beim Aktionstag für die Tafel des Diakonischen Werks in Rimbach. Dabei sorgte Björn Rothmüller mit »raumgreifender Stimme für tosenden Beifall«, berichtete die Lokalpresse. Er ist einer der beiden Organisten der Gemeinde, Mitglied im Kirchenvorstand und leitet beruflich die Spurensicherung bei der Polizeidirektion Odenwald.

Gemeinschaftssinn wird groß geschrieben

»Dabei muss ich hochkonzentriert sein, manchmal ist meine Arbeit auch belastend. Kirchenmusik ist für mich ein Ausgleich. Auch wenn Singen oder Orgelspielen manchmal richtige Arbeit sind, macht es doch den Kopf frei und ich kann entspannen«, betont der Kriminalhauptkommissar, der über mehrere Jahre immer wieder bei einem Orgelbauer gejobbt hatte. An der Gemeinde schätzt er besonders den Gemeinschaftssinn. »Mich beeindruckt immer wieder, wie die Gemeinde zusammenhält.«

Bürger spenden nicht nur, sondern packen auch mit an

Gemeinschaft pflegen die Zotzenbacher auch rund um ihren Adventskranz aus vier Baumstämmen. In die Stümpfe, die zwischen 1,40 und 2,20 Meter hoch sind und einen stattlichen Durchmesser von 35 Zentimetern haben, sind oben Flammenschalen eingelassen. Sie dienen als Kerzen. Seit 2008 werden direkt gegenüber der Kirche jeweils an den Adventssamstagen erst ein, dann zwei, drei und vier »Kerzen« entzündet. »Treffpunkt Adventskranz« heißt die Aktion und das ist wörtlich zu nehmen. Dort trifft sich die Gemeinde – Groß und Klein, Alte wie Junge. Es werden Lieder gesungen, Geschichten erzählt, heiße Getränke ausgeschenkt.

Bei der Ideenmesse auf dem ersten Kirchenvorstandstag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau wurde der Zotzenbacher Adventskranz mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Den Baumstamm-Adventskranz haben inzwischen etliche andere Gemeinden nachgeahmt – sogar außerhalb der Landeskirche. So hat diese Idee auch in Mannheim gezündet. Der rustikale Adventskranz hat sich zum Zotzenbacher »Exportschlager« entwickelt.

Kirchengemeinde Zotzenbach, Hauptstraße 5, 64 668 Rimbach- Zotzenbach, Telefon 0 62 53 / 65 94, Fax 0 62 53 / 9 89 99 85, www.kirche-zotzenbach.de

Fotos: esz


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