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Hessischer Flickenteppich

Umfrage im Auftrag des »Horizonte«-Magazins spricht von »Patchwork-Glauben« und »Christentum ohne Christen«

FRANKFURT a. M. Eine im Auftrag des Hessischen Rundfunks erstellte Studie »Was glauben die Hessen?« belegt vor allem eines: Wie anderswo auch basteln sich die meisten Menschen hierzulande ein Art Privatglauben aus vielen Versatzstücken.

Für die in der 1000. Sendung des hr-Fernsehmagazins »Horizonte« vorgestellte Untersuchung wurden 500 Personen telefonisch befragt. Das Ergebnis ist für die Kirchen nicht besonders erfreulich: Nahezu vier Fünftel (76 Prozent) finden die Kirchen gut – jedoch als soziale Instanzen (zum Beispiel wegen ihrer diakonischen Aktivitäten), wo sie kulturell etwas vorzuzeigen haben und als große Arbeitgeber.

Geht es um Sinnstiftung, Glaubensvermittlung und das, was man religiöse Heimat nennen könnte, werden sie »kaum wahrgenommen«, wie es in der Studie heißt. Lediglich 24 Prozent der Hessen bezeichnen sich als Christen; 15 Prozent der Protestanten sogar als Atheisten. Die Antworten auf andere Fragen belegen deutlich – der Traditionsabbruch der Glaubensvermittlung wird – gleichgültig ob evangelisch oder katholisch – immer deutlicher.

Religion ist für viele heute ein selbst zusammengestelltes Sammelsurium von Versatzstücken aus einem breiten spirituellen Angebot, das Soziogen schon lange beobachten und als Patchworkreligion bezeichnen.

Foto: picture alliance / Lonely Planet Images

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AKTUELLES

Käßmann blickt auf ein »wunderbares« Forschungsjahr zurück

Mit einem Abschiedssymposium hat die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, ihr Forschungsjahr an der Ruhr-Universität Bochum beendet. Am meisten habe sie die Arbeit mit jungen Studierenden an Themen und Texten abseits der Öffentlichkeit genossen, sagte Käßmann in Bochum.

Bochum. Mit diesen Erfahrungen mache sie sich keine Sorgen um den theologischen Nachwuchs. Zurückblickend könne sie mit dem Schriftsteller Reiner Kunze sagen: Es war ein »wunderbares Jahr« in Bochum. Käßmann hatte im Januar vergangenen Jahres dieMax-Imdahl-Gastprofessur übernommen. In den zurückliegenden zwölf Monaten hatte sie sich vor allem in Vorlesungen und Seminaren mit ökumenischen und sozialethischen Themen beschäftigt. Die 53-jährige Theologin kündigte an, künftig ein- bis zweimal im Jahr Vorlesungen an der Ruhr-Universität zu halten. Mit Blick auf die Distanz zwischen Kirche und Universitätstheologie sprach sie sich dafür aus, dass beide Seiten wieder mehr miteinander ins Gespräch kommen. Dazu gehöre auch die Frage, wie die von ihr beobachtete Begeisterung der Nachwuchstheologen im Pfarreralltag erhalten werden könne. Sie sehe mit Sorge, dass viele Pfarrer angesichts zahlreicher Aufgaben und Erwartungen überfordert seien. Pfarrer müssten deshalb unter anderem von Verwaltungsaufgaben entlastet werden, forderte Käßmann. Vom Frühjahr an wird die frühere hannoversche Landesbischöfin als Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum 2017 tätig sein und für das herausragende Ereignis der Protestanten in den kommenden Jahren werben. Das Jubiläum, das an den Thesenanschlag des Reformators Martin Luther vor 500 Jahren erinnert, soll nach ihrer Auffassung keine »Feier einer Trennung« sein. Trotz aller Differenzen zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche solle der ökumenische Charakter hervorgehoben werden, betonte Käßmann. Historisch gesehen habe die Reformation auf beiden Seiten zu Reformen geführt. Auch die katholische Kirche habe sich seitdem verändert.

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Experte: Auch Nachbarn sollten Demenzkranken beistehen =

In Deutschland sind derzeit 1,2 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, wenn man die Angehörigen hinzurechnet, sind rund acht Millionen Menschen direkt oder indirekt von der Krankheit betroffen. Nachbarschaftshilfe kann für viele betroffenen Familien hilfreich sein.

Kassel/Gießen. Das Problem der steigenden Zahl Demenzkranker ist nach den Worten des Gießener Soziologen und Theologen Reimer Gronemeyer nicht allein mit Geld und professioneller Pflege zu lösen. Die Krankheit habe einen bedeutenden sozialen Aspekt, der bürgerschaftliches Engagement herausfordere, sagte der Vorsitzende d er Aktion Demenz in den Diakonie-Kliniken Kassel. Die Zukunft Europas hängt nicht vom Euro-Rettungsschirm ab, sondern »ob wir für diese Frage eine humane Antwort finden«, sagte er. In Deutschland seien derzeit 1,2 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, erläuterte Gronemeyer. Rechne man die betroffenen Angehörigen dazu, komme man auf rund acht Millionen Menschen, die direkt und indirekt unter der Krankheit litten. »Wir müssen unsere sozialen Kräfte entfalten, damit das Ding nicht aus den Fugen gerät«, sagte er und rief zu mehr Nachbarschaftshilfe auf. So wäre vielen betroffenen Familien schon allein dadurch geholfen, wenn Nachbarn für ein paar Stunden pro Woche die Betreuung von Erkrankten übernähmen. Gronemeyer wies ferner darauf hin, dass in den kommenden 20 Jahren nicht mit medizinischen Erfolgen im Kampf gegen die Krankheit zu rechnen sei. Man könne auch nicht vorhersagen, wer die Krankheit einmal bekommen werde und wer nicht. Untersuchungen hätten aber gezeigt, dass der Verlauf der Krankheit stark vom Ausmaß der sozialen Einbindung abhänge. Bei allein lebenden Menschen ohne soziale Kontakte schreite sie deutlich schneller voran als bei Menschen, die in einem intakten sozialen Umfeld lebten.

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THEMA DER WOCHE
Was glaabsde denn so ?

Was glaabsde denn so ?

Flickenteppich: Eine Umfrage hat untersucht, wie es die Hessen mit dem Glauben halten

»Was glauben die Hessen?« – wollte das Fernseh–Magazin »Horizonte« des Hessischen Rundfunks wissen und hat dafür eine Umfrage machen lassen.

Dass es die Kirchen gibt finden 76 Prozent der Hessen gut. Allerdings schätzen sie sie mehr wegen ihrer sozialen Aktivitäten, als «kulturelle Anreger« und auch Arbeitgeber. Geht es aber um die Frage der Sinnstiftung werden sie dagegen wenig wahrgenommen. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage des Zentrums für kirchliche Sozialforschung an der Katholischen Hochschule in Freiburg hervor, das im Auftrag des Hessischen Rundfunks (hr) am Telefon mit 500 ausgewählten Menschen Fragebögen abarbeitete und anschließend auswertete.

Geburtstagsgeschenk für ein besonderes Fernsehereignis

Präsentiert wurden die Ergebnisse der Umfrage »Was glauben die Hessen?« als eine Art Geburtstagsgeschenk für ein besonderes Fernsehereignis: der 1000. Sendung des Magazins »Horizonte«. Und was glauben die Hessen nun? 80 Prozent der Menschen zwischen Bad Karlshafen und Neckarsteinach sorgen selbst für den Sinn in ihrem Leben, sagte der Religionssoziologe Michael Ebertz, unter dessen Leitung die Studie durchgeführt wurde. Und dies, indem sie etwa an Engel (40 Prozent), an Wunder (70 Prozent) oder unerklärliche Phänomene glauben.

Hessen basteln sich ihren eigenen Patchwork-Glauben

Lediglich 24 Prozent der Befragten bezeichneten sich als Christen. Zehn Prozent der Katholiken beziehungsweise 15 Prozent der Protestanten sogar als »Atheisten«. Die Ergebnisse ließen den Schluss zu, dass die Hessen Religion als etwas ganz Individuelles und Privates begreifen würden und sich ihren Glauben selbst zusammenstellten, zieht Ebertz seine Schlüsse aus der Untersuchung. »Die Hessen basteln sich ihren eigenen Patchwork-Glauben, die Religionsfreiheit hat sich durchgesetzt«, meint er. Die Studie spricht in ihrem Fazit gar von einem »Christentum ohne Christen«.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe der Evangelischen Sonntags-Zeitung.

Foto: picture alliance / dpa

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GEMEINDEREPORT
Jugendliche lieben Liturgie

Jugendliche lieben Liturgie

Auf das geistliche Fundament wird in Dortelweil besonders stark gebaut • Von Andrea Seeger

Mitarbeitende werden in der Gemeinde besonders wertgeschätzt. Wer sich bereiterklärt, eine Aufgabe oder ein Projekt zu übernehmen, wird damit offiziell beauftragt und dann auch angemessen verabschiedet. Niemand soll ein schlechtes Gefühl haben, weil er sich »nur« befristet engagiert.

Sie fällt auf, die Kirchengemeinde Dortelweil. Einmal von außen. Das Gemeindehaus Arche liegt nämlich inmitten eines riesigen Neubaugebiets. Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre das nicht weiter aufgefallen, aber angesichts ständiger Schlagzeilen mit dem Tenor, dass die Deutschen aussterben, ist es bemerkenswert.

Und auch das Innenleben ist besonders. Die Gemeinde mit 2200 Mitgliedern setzt nämlich stark auf ein geistliches Fundament. »Wir können nicht immer nur geben, wir müssen uns auch stärken«, sagt Pfarrer Matthias Gärtner. Er habe sich zum geistlichen Begleiter ausbilden lassen und lasse sich selbst von einem solchen geistlichen Begleiter stärken. »Nur so kann ich fröhlich und guten Mutes meine Arbeit machen«, sagt er und lächelt.

Junge Menschen öffnen sich für geistliche Dimension

Das geistliche Fundament ist dem Pfarrer wichtig, für ihn selbst und für die Gemeinde. »Das ist ein Weg, den man geht«, ergänzt Gemeindepädagoge Dirk Nising. Seit zehn Jahren verantwortet er die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Gemeinde. »Angefangen haben wir mit einem Treff für Jugendliche«, erklärt er. Die jungen Menschen hätten sich erst öffnen müssen für die geistliche Dimension. Heute sei es selbstverständlich zu fragen, welches biblische Thema sie nehmen wollen oder welches Lebensthema zu besprechen sei. »Jugendliche lieben Atmosphäre und Liturgie«, sagt Nising, das aber müsse sich erst entwickeln. Viele der Mädchen und Jungen kämen ohne spirituellen Hintergrund in die Gemeinde. »Erste Erfahrungen sammeln sie dann auf Freizeiten, bei den Morgen- und Abendandachten.«

Ehrenamtliche offiziell begrüßen und verabschieden

Die Dortelweiler bieten eine ganze Palette lebendiger Spiritualität, ob im Emmaus-Bibelseminar, in Hauskreisen, in der »Lebens-Wort«-Gruppe oder bei Exerzitien im Alltag. Der Glaubenskurs »Spur 8» steht im Herbst auf dem Programm. Die Gemeinde hat ein Leitbild entwickelt, an dem sie sich orientiert. Dazu gehört, dass die rund 150 Mitarbeiter öffentlich beauftragt werden mit dem, wozu sie sich bereiterklärt haben, und dann auch offiziell und angemessen verabschiedet werden, wenn sie mit diesem Ehrenamt aufhören. Niemand solle ein schlechtes Gefühl haben, wenn er ein Projekt befristet übernommen habe und die Zeit dann eben wieder brauche für anderes, den Job, die Kinder, die Freunde ...

Fünf Gottesdienste am Heiligen Abend

Die Wertschätzung für die vielen Menschen, die für die Gemeinde tätig sind, wird sehr deutlich. Nising und Gärtner sind stolz auf das kirchliche Leben, das sie bieten. Ganz besonders stolz sind sie wegen Weihnachten. »Als ich 2006 hier angefangen habe, war die Situation nicht zufriedenstellend«, berichtet Pfarrer Gärtner. Die Kirche im alten Dortelweiler Ortskern bietet rund 230 Menschen Platz, für Weihnachten also viel zu wenig. »Die Leute mussten scharenweise unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen«, ärgert sich Gärtner noch heute.

Flugs gab es einen Plan: Am Heiligen Abend gibt es nun fünf Gottesdienste, davon zwei Familiengottesdienste im Kulturforum neben dem Gemeindehaus, das rund 380 Plätze bietet, sowie drei Gottesdienste in der Kirche. »Und alle sind zufrieden«, sagen beide.

Sitzkarten im Konfirmationsgottesdienst

Mit den Konfirmations-Gottesdiensten halten sie es ebenso. Die Plätze haben hinten und vorne nicht gereicht, kein Wunder bei rund 60 Konfirmanden. »Jetzt verteilen wir Sitzkarten, pro Konfirmand gibt es ungefähr 20«, sagt Dirk Nising. Dafür würde er jedes Jahr Schläge einstecken, aber damit könne er leben. In Dortelweil gibt es dann an zwei Wochenenden sechs Gottesdienste, mit begrenzter Anzahl von Plätzen für jede Familie. Auch das funktioniere inzwischen gut.

Was nicht gut funktioniert, ist das Sekretariat. Nicht, dass Karin Stadtler schlecht arbeitet, im Gegenteil. Aber sie wird nur für sechs Stunden in der Woche bezahlt, Arbeit hat sie aber doppelt so viel. »Aber wir haben überhaupt keine finanziellen Reserven«, klagt der Pfarrer. Die Gemeinde könnte an dieser Stelle das, was nötig wäre, nicht bezahlen. »Das ist wirklich nix.« Vielleicht fällt den Dortelweilern zu diesem Problem auch noch eine Lösung ein, zuzutrauen wäre es ihnen.

Kirchengemeinde Dortelweil Johann-Strauß-Straße 1, 61118 Bad Vilbel, Pfarrer Matthias Gärtner, Telefon 0 61 01 / 98 47 40, Fax 0 61 01 / 98 47 41, E-Mail: buero@ev-kirche-dortelweil.de, www.ev-kirche-dortelweil.de

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