Jugendliche lieben Liturgie
Auf das geistliche Fundament wird in Dortelweil besonders stark gebaut • Von Andrea Seeger
Mitarbeitende werden in der Gemeinde besonders wertgeschätzt. Wer sich bereiterklärt, eine Aufgabe oder ein Projekt zu übernehmen, wird damit offiziell beauftragt und dann auch angemessen verabschiedet. Niemand soll ein schlechtes Gefühl haben, weil er sich »nur« befristet engagiert.
Sie fällt auf, die Kirchengemeinde Dortelweil. Einmal von außen. Das Gemeindehaus Arche liegt nämlich inmitten eines riesigen Neubaugebiets. Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre das nicht weiter aufgefallen, aber angesichts ständiger Schlagzeilen mit dem Tenor, dass die Deutschen aussterben, ist es bemerkenswert.
Und auch das Innenleben ist besonders. Die Gemeinde mit 2200 Mitgliedern setzt nämlich stark auf ein geistliches Fundament. »Wir können nicht immer nur geben, wir müssen uns auch stärken«, sagt Pfarrer Matthias Gärtner. Er habe sich zum geistlichen Begleiter ausbilden lassen und lasse sich selbst von einem solchen geistlichen Begleiter stärken. »Nur so kann ich fröhlich und guten Mutes meine Arbeit machen«, sagt er und lächelt.
Junge Menschen öffnen sich für geistliche Dimension
Das geistliche Fundament ist dem Pfarrer wichtig, für ihn selbst und für die Gemeinde. »Das ist ein Weg, den man geht«, ergänzt Gemeindepädagoge Dirk Nising. Seit zehn Jahren verantwortet er die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Gemeinde. »Angefangen haben wir mit einem Treff für Jugendliche«, erklärt er. Die jungen Menschen hätten sich erst öffnen müssen für die geistliche Dimension. Heute sei es selbstverständlich zu fragen, welches biblische Thema sie nehmen wollen oder welches Lebensthema zu besprechen sei. »Jugendliche lieben Atmosphäre und Liturgie«, sagt Nising, das aber müsse sich erst entwickeln. Viele der Mädchen und Jungen kämen ohne spirituellen Hintergrund in die Gemeinde. »Erste Erfahrungen sammeln sie dann auf Freizeiten, bei den Morgen- und Abendandachten.«
Ehrenamtliche offiziell begrüßen und verabschieden
Die Dortelweiler bieten eine ganze Palette lebendiger Spiritualität, ob im Emmaus-Bibelseminar, in Hauskreisen, in der »Lebens-Wort«-Gruppe oder bei Exerzitien im Alltag. Der Glaubenskurs »Spur 8» steht im Herbst auf dem Programm. Die Gemeinde hat ein Leitbild entwickelt, an dem sie sich orientiert. Dazu gehört, dass die rund 150 Mitarbeiter öffentlich beauftragt werden mit dem, wozu sie sich bereiterklärt haben, und dann auch offiziell und angemessen verabschiedet werden, wenn sie mit diesem Ehrenamt aufhören. Niemand solle ein schlechtes Gefühl haben, wenn er ein Projekt befristet übernommen habe und die Zeit dann eben wieder brauche für anderes, den Job, die Kinder, die Freunde ...
Fünf Gottesdienste am Heiligen Abend
Die Wertschätzung für die vielen Menschen, die für die Gemeinde tätig sind, wird sehr deutlich. Nising und Gärtner sind stolz auf das kirchliche Leben, das sie bieten. Ganz besonders stolz sind sie wegen Weihnachten. »Als ich 2006 hier angefangen habe, war die Situation nicht zufriedenstellend«, berichtet Pfarrer Gärtner. Die Kirche im alten Dortelweiler Ortskern bietet rund 230 Menschen Platz, für Weihnachten also viel zu wenig. »Die Leute mussten scharenweise unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen«, ärgert sich Gärtner noch heute.
Flugs gab es einen Plan: Am Heiligen Abend gibt es nun fünf Gottesdienste, davon zwei Familiengottesdienste im Kulturforum neben dem Gemeindehaus, das rund 380 Plätze bietet, sowie drei Gottesdienste in der Kirche. »Und alle sind zufrieden«, sagen beide.
Sitzkarten im Konfirmationsgottesdienst
Mit den Konfirmations-Gottesdiensten halten sie es ebenso. Die Plätze haben hinten und vorne nicht gereicht, kein Wunder bei rund 60 Konfirmanden. »Jetzt verteilen wir Sitzkarten, pro Konfirmand gibt es ungefähr 20«, sagt Dirk Nising. Dafür würde er jedes Jahr Schläge einstecken, aber damit könne er leben. In Dortelweil gibt es dann an zwei Wochenenden sechs Gottesdienste, mit begrenzter Anzahl von Plätzen für jede Familie. Auch das funktioniere inzwischen gut.
Was nicht gut funktioniert, ist das Sekretariat. Nicht, dass Karin Stadtler schlecht arbeitet, im Gegenteil. Aber sie wird nur für sechs Stunden in der Woche bezahlt, Arbeit hat sie aber doppelt so viel. »Aber wir haben überhaupt keine finanziellen Reserven«, klagt der Pfarrer. Die Gemeinde könnte an dieser Stelle das, was nötig wäre, nicht bezahlen. »Das ist wirklich nix.« Vielleicht fällt den Dortelweilern zu diesem Problem auch noch eine Lösung ein, zuzutrauen wäre es ihnen.
Kirchengemeinde Dortelweil Johann-Strauß-Straße 1, 61118 Bad Vilbel, Pfarrer Matthias Gärtner, Telefon 0 61 01 / 98 47 40, Fax 0 61 01 / 98 47 41, E-Mail: buero@ev-kirche-dortelweil.de, www.ev-kirche-dortelweil.de