MEINUNG UND NACHRICHT

Falscher Ehrgeiz

Von Wolfgang Weissgerber

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Wider den falschen Ehrgeiz richtet sich in diesem Jahr die evangelische Fastenaktion
»7 Wochen ohne«. Das ist gut so. Innehalten. Nicht jeden Tag ein bisschen besser sein wollen, wie es die Werbung einer großen Ladenkette uns vorgaukelt. Zufrieden sein mit dem, was man hat und erreicht hat.

Aber nicht für immer. Sieben Wochen lang mag das angehen. Doch ganz ohne Ehrgeiz geht es nicht. Wo stünde der Mensch, wenn er damals zufrieden gewesen wäre in seiner Höhle, mit seinem Faustkeil? Und selbst dieser entsprang ja schon seinem Streben, es besser machen zu wollen. Ehrgeiz, in Maßen verabreicht, bringt alle voran.

Falscher Ehrgeiz tut das nicht. Falscher Ehrgeiz hat Sportler wie den Radprofi Jan Ulrich und den Sprinter Ben Johnson, Politiker wie Karl-Theodor zu Guttenberg und Silvana Koch-Mehrin und Journalisten wie den Interview-Erfinder Tom Kummer zu Betrügern gemacht. Da gibt es nicht viel zu überlegen. Aber wann ist Ehrgeiz richtig, und wann ist er falsch? Vielleicht muss man sich wirklich einmal sieben Wochen lang zurücklehnen, um es herauszufinden. Hinterher ist man klüger. Doch wer kann schon im Voraus sagen, wann es besser ist, (sich) zu bremsen, und wann das Vorwärtsstreben gut und richtig ist?

Ist es womöglich falscher Ehrgeiz, wie die Presse dem nimmersatten Bundespräsidenten auf die Finger schaut? Viele Menschen wollen schon gar nicht mehr lesen, was dem Mann als Nächstes vorgeworfen wird. Ein Blatt in Norddeutschland machte aus dieser Not sogar eine Tugend und warb eines Tages: »Diese Ausgabe ist 100 % Wulff-frei«. Aber muss jeder Tag frei sein von Enthüllungen, wie Christian Wulff sich auf Kosten anderer und im Glanze anderer zu sonnen versucht? Dem nachzugehen ist keine Frage von Ehrgeiz, sondern die Aufgabe der Presse. Lieber wegschauen statt weiter zu graben, nur um die Leser nicht zu nerven? Das wäre wirklich falscher Ehrgeiz.

Als obersten Repräsentanten des Staates wünscht man sich doch eine integre Persönlichkeit und keinen Schnäppchenjäger. Und Schnäppchenjäger gibt es viele, allesamt getrieben von dem Ehrgeiz, für die Reise, den Fernseher oder das Auto etwas weniger zu bezahlen als der nette Nachbar und die lieben Kollegen.

»Geiz ist geil!« und »Ich bin doch nicht blöd!« – so wird der falsche Ehrgeiz angefacht. Der Fachhändler, der seine Kunden in Ruhe berät und seine Lieferanten nicht bis auf die letzten Prozente ausquetscht, bleibt dabei auf der Strecke. Opfer solch falschen Ehrgeizes sind auch die chinesischen Wanderarbeiter, die unsere superbilligen Konsumartikel unter übelsten Arbeitsbedingungen für Hungerlöhne zusammenfummeln. Ebenso leiden sie unter dem Ehrgeiz der kommunistischen Staatspartei, die China als politische und wirtschaftliche Weltmacht Nummer eins sehen will. Die Diktatur des Proletariats ist die herrschende Ideologie, aber wo hat das Proletariat weniger zu melden als dort, wo es angeblich herrscht?

Falscher Ehrgeiz nutzt wenigen und schadet vielen. Da sind sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz eine gute Übung, es anschließend mit dem richtigen zu versuchen. Das beginnt schon im Kleinen. Lassen wir die Kinder spielen, nicht nur lernen und trainieren. Schielen wir nicht mehr nur nach dem größtmöglichen Rabatt. Machen wir uns klar, dass bei jedem Schnäppchen jemand anders zahlen muss – zum Beispiel mit seiner Gesundheit. Wenn nicht nur der Preis zählt, sondern auch die Qualität, dann werden auch die einfachen Dinge wieder wertvoll.

Darauf zu achten, ist allen Ehrgeiz wert. Nicht alles perfekt machen zu wollen und das auch noch gut zu finden – das ist nur auf den ersten Blick nicht ehrgeizig. Wer in solcher Gelassenheit lebt, ein Leben lang, nicht nur für sieben Wochen, kann es wahrhaftig schaffen, voranzukommen. Voranzukommen? Ja – denn ganz ohne Ehrgeiz durchs Leben gehen zu wollen – das wäre wirklich falscher Ehrgeiz.

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