
Konsequent: Margot Käßmann begründete ihren Rücktritt damit, dass es ihr auch um »Respekt und Achtung vor mir selbst« gehe.
Margot Käßmann war im vergangenen Oktober nach ihrer Wahl zur Ratsvorsitzenden durch die EKD-Synode mit hohen Erwartungen in das Amt an der Spitze der EKD gestartet. Eine Theologin mit Charisma; eine Hoffnungsträgerin für die Erneuerung der Kirche, als kritischer Geist, die mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hielt, auch mit Hang zur Provokation. Vor allem ihr Mut, die Debatte um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr neu anzustoßen, beeindruckte – vor allem jene, die zu einer offenen Diskussion in dieser Frage fähig und bereit sind.
Der Rücktritt, so die nahezu einhellige Ansicht, hat der evangelischen Kirche nicht geschadet, sondern Respekt ausgelöst. Von dieser Entscheidung hat sich Margot Käßmann weder durch Zuspruch noch durch ein einmütiges Vertrauensvotum des zurzeit 13-köpfigen EKD-Rats abhalten lassen und dies mit einer in den Augen vieler überzeugenden Erklärung begründet (siehe Kasten auf dieser Seite).
Und nun? Eine Auszeit – ja. Aber Margot Käßmann soll und darf sich nicht aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Dafür machen sich unter anderem der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich und der Deutsche Evangelische Kirchentag stark, dessen Generalsekretärin Käßmann einmal war. Hier ist Margot Käßmann eine Zugnummer: Im vergangen Jahr, beim Protestantentreffen in Bremen, hatte sie allein mit ihrer Bibelarbeit rund 8000 Menschen begeistert. Beim Zweiten Ökumenischen Kirchentag Mitte Mai in München steht sie mit 16 Auftritten im gerade gedruckten Programm. Auch in anderen Funktionen – etwa als Präsidentin der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer – und bei Schirmherrschaften, die sie übernommen hat, wird man sie nicht einfach ziehen lassen wollen.
Nach einigen turbulenten Tagen für die evangelische Kirche hat Nikolaus Schneider, der bisherige Stellvertretende Ratsvorsitzende und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, den Stuhl Margot Käßmanns eingenommen – zunächst bis zur nächsten Tagung der Kirchensynode im November (siehe nächste Seite). »Wie es dann weitergeht und wer für die Dauer der nächsten Jahre dann für dieses Amt infrage kommt, wer es machen sollte, das wird sich herausstellen«, sagte Schneider nach einer Sitzung des EKD-Rats in der Evangelischen Akademie Tutzing. Der offene und ehrliche Umgang Käßmanns mit dem eigenen Versagen werde auch dem Amt des EKD-Ratsvorsitzenden wieder hohen Respekt verschaffen, das »eine gewisse Beschädigung« erfahren habe, sagte Schneider.
Zunächst ist nun der sogenannte Rats-Wahlausschuss am Zuge. Diesem Gremium aus Synodenmitgliedern und Vertretern der Landeskirchen kommt bei der Suche nach der Käßmann-Nachfolge eine wichtige Rolle zu, da es Vorschläge für zwei freie Sitze im EKD-Rat vorbereiten muss. Denn neben dem von Margot Käßmann per Rücktritt aufgegebenen Platz ist beim Wahlmarathon während der letzten Synodaltagung ein Stuhl in dem insgesamt 15 Personen umfassenden Rat frei geblieben. Ende März ist ferner eine reguläre Zusammenkunft der Kirchenkonferenz angesetzt, dem dritten EKD-Gremium neben Rat und Synode, und daher für die Spitzen der Landeskirchen ein wichtiges Datum.
Bei den Ratswahlen im vergangenen Jahr war eine Stelle frei geblieben, weil sich die Synode nicht auf eine Mehrheit für die Frankfurter Pfarrerin Ulrike Trautwein, die Sprecherin der eher progressiven Synodengruppe Offene Kirche, einigen konnte. Das wäre nun die nächste Chance für Frauen in kirchlichen Führungsämtern.
Denn in der Tat sind die landeskirchlichen Führungsämter wieder stärker eine Domäne der Männer. 20 der 22 evangelischen Landeskirchen werden von Männern geleitet. Auch Käßmanns Interimsnachfolger als Bischof der hannoverschen Landeskirche ist ein Mann: der 64-jährige Landessuperintendent Hans-Hermann Jantzen.
Als Bischöfinnen bleiben Maria Jepsen (65) in Hamburg, die 1992 zur ersten lutherischen Bischöfin weltweit gewählt wurde, die aber im Jahr 2912 aus dem Amt scheidet, und die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann (52). Die nordelbische Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter ging bereits vor zwei Jahren in den Ruhestand. Bleibt noch als Frau in einer EKD-weiten Führungsposition mit Katrin Göring-Eckardt die Präses der EKD-Synode, die durch ihr Amt dem Rat der EKD angehört.
Maria Jepsen äußerte sich hoffnungsvoll dass Margot Käßmann in absehbarer Zeit »in Blick- und Hörweite« wieder auftaucht. Nach ihrer Erfahrung haben es Frauen in der Kirche in Spitzenpositionen immer noch schwerer als Männer. »Einerseits werden sie manchmal hochgejubelt, aber dann auch sehr schnell fallengelassen.« epd/gb

